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Klemperer Online

Tagebücher 1918–1959

[ Klemperer Online: Diaries, 1918–1959 ]

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Besonders am Eingang der Alfonsschule steht in der Mauer eine steinerne Bank. Dort saß ich im Juli 1915 in Sträflingsdrillich mit Eva, die mir Abends meine Post brachte u. mich begrüßte. Ich durfte nicht heraus, war buchstäblich gefangen, weil ich noch nicht grüßen konnte. Ich, der 33jährige, der Privatdozent, der Ehemann, der Kriegsfreiwillige! Ich weiß, Disciplin ist notwendig u. der Gruß ist ein notwendiges Übel, ich weiß, wie es jetzt ohne diese Disziplin zugeht, ich bin durchaus „contrarevolutionär“ gestimmt, ich lache vergnügt, wenn jetzt Theodor Wolff1 eine „klar sichtbare militärische Macht“ fordert, wenn die Regierung Ebert eine „freiwillige Volkswehr“ bildet, zu der sie nur Soldaten heranzieht, die über 24 Jahre alt sind u. lange Frontdienst gemacht haben, also gerade das beste Menschenmaterial, das durchgebildetste des alten Heeres! Und dennoch: wenn ich an diese Bank denke, oder an den Tag, wo mich der

Page: Neues Blatt verrückte Hauptmann Berghausen2 mit dem Tropenkoller in Kasernenarrest brüllte, weil ich die Hacken bei „stillgestanden“ zusam̅enzunehmen vergessen hatte, dann legt es sich mir geradezu körperlich wie ein Stein auf die Brust, wie eine zusam̅enpressende Hand um den Hals; ich gedenke dann meiner bittersten Verzweiflungen u. verstehe jede, aber auch jede Sinnlosigkeit der Revolution. –
Ich habe mich in München voller Vergnügen u. Skrupellosigkeit dem Revolutionstreiben angepaßt, insofern es daraus hinausläuft sich ein wenig persönlichen zu Vorteil zu verschaffen. Von meinen Fahrscheinen u. Gebühren, Stiefeln, Hosen, u. Socken u. Schnürsenkeln berichtete ich. Sodann trieb ich es noch sehr bunt mit Eßmarken. In München ist eine Stelle am Bahnhof. Dort bekom̅t man Marken auf seinen Urlaubsschein, u. Naturalverpflegung gegen (märchenhaft wenig) Geld auf seinen Fahrschein. Ich hatte nichts zu beanspruchen, denn auf meinem Urlaubsschein war vermerkt, daß ich von Leipzig alles bis zum 15. XII bezogen habe, u. in München befand ich mich vom 10–13/XII. Ich nahm auf Hans M.’s Rat den Ausweiszettel, auf dem mich das Wilnaer Presseamt an das bay Kriegsministerium überwies, gab ihn dem Schalterbeamten u. sagte, ich hätte zwei Wochen dienstlich beim Kriegsministerium zu tun. Er stempelte den Schein u. gab mir Marken für 14 Tage. Später ging ich mit dem neuen Urlaubsschein nach Leipzig u. Berlin u. Kipsdorf an den Schalter, sagte, ich hätte in M. noch Aufenthalt u. bekam für zwei Tage Marken. Am Naturalschalter erhielt ich für 80 Pf. ein großes Stück Wurst u. etwas Brod (dies sehr knapp zugemessen.)

Page: Neues Blatt In der Kaserne endlich, wo ich gar keinen rechtlichen Anspruch hatte, aß ich zweimal zu Mittag u. ließ ich mir mehrere (sehr sorgfältig bemessene – es gibt keine ganzen Bröde mehr!) Brodrationen geben. So konnte ich Meyerhofs manches ersetzen u. noch mancherlei mit nach Hause bringen als reinen Zuschuß zu den hiesigen Vorräten. Hans sagte, ich sei sein sehr gelehriger Schüler.
Mit Hans Meyerhof ist es noch immer das Gleiche. Die Leute leben in größter Enge, kochen ohne Herd auf dem Ofen, waschen sich in einer winzigen Schüssel, sind mit allem in ihren zwei Zimmern aufs äußerste beschränkt, haben dabei allerhand Antiquitäten u. Schmuck= u. Kunstgegenstände um sich gesam̅elt. Elena hat das Gehör fast gänzlich eingebüßt u. behilft sich mit einem Hörrohr. Hans macht noch immer seine zweifelhaften Geschäfte, schiebt Lebensmittel etc., hat nominell ein Bonbongeschäft gekauft, das unter anderer Firma wegen zu hoher Preise geschlossen wurde, u. ist nun mit 5 % am Gewinn beteiligt. Bei alledem ist er noch immer der reinste Ideologe, Phantast, Schwärmer. Seine Gastlichkeit u. Hilfsbereitschaft ist grenzenlos. Ich wurde immer wieder zu Kaffee u. Abendbrod bei ihm verpflegt u. man war gekränkt, als ich ein Mittagbroessen ausließ, zu dem am Abend vorher die Gans – jetzt eine Gans! – mit Äpfeln in meiner Gegenwart gestopft worden war. Er sorgt für arme Künstler – es wimmelte ein ältlicher Bildhauer, Ballabene3, bei ihm herum, er ist gastlich in hohem Stil. Am Abend nach der Tagung des geistigen Arbeiterrates will Elena für uns drei Thee kochen. Es klopft ans Fenster, H.

Page: Neues Blatt geht heraus u. kom̅t nach einer Weile zurück mit zwei Damen u. zwei Herren, Bohème z. T., von denen er nicht alle kennt; er habe mit zu ihnen gesollt, habe aber doch einen Gast – so mußten sie bei ihm bleiben. Wir tranken also unsern Thee 7 Mann hoch, u. bekamen sogar Ge[p][b]äck dazu, u. politisierten und aesthetisierten. (Ich halte jetzt stark die „contrarevolutionäre Seite[“]!) Aber H’s Ideologie hat jetzt größere Proben bestanden als die des Privatlebens. Er kennt Eisner persönlich u. manchen der anderen Führer. Er hätte sicher einen Posten, wenn nicht im Ministerium, so doch weit oben erhalten, er hätte bei seinen hilfreichen Beziehungen zu allen anrüchigen Soldaten mit Leichtigkeit in den Soldatenrat gelangen können – u. hat nichts für sich getan. Dabei beteiligt er sich eifrig an der Politik. Als die Zeitungen in München gestürmt wurden, sollten auch die Banken besetzt werden. Er hat in einer Bankierversam̅lung gewarnt, ist erst als Erpresser behandelt worden, sollte dann belohnt werden u. hat abgelehnt. Er wolle frei sein! Aber er fühle organisatorisches Talent in sich; wenn ihn die Herren später unterstützen wollten …! So hat er mir’s erzählt, u. viel anders wird es auch nicht gewesen sein. Er fühlt sich glücklich in all der Enge, Gehetztheit, Armut, Abenteuerlichkeit. Vielleicht daß ihn die Frau etwas hem̅t, sonst wäre er ganz befriedigt. Diese ganze jetzige Atmosphäre ist für ihn geschaffen. Da lebt er wirklich. Er leidet ja auch keine Not, hat sattzuessen, hat immer zu rauchen, ist immer in Bewegung u. empfindet die abenteuerliche Unsicherheit seiner Erziehung als besonderes Glück. Er

Page: Neues Blatt sagte es mir einmal geradezu. In seinen Zimmern ist nie Ruhe: Händler, Bohème, Ratsuchende, Freunde kom̅en u. gehen ständig. Die Mahlzeiten werden hastig u. selten allein genom̅en. Geschäft, Kunst, Politik, Freundschaft, Wohltätigkeit – – alles wirrt sich ineinander. Elena, durch ihre Taubheit fast abgeschnitten, durch Kochen u. Aufwaschen belastet, hält doch brav mit. Ich möchte nicht eine Woche so leben u. meine Frau nicht einen Tag so leben lassen. Und doch sind wir verwandte Naturen, wir fliehen beide vor dem Alltag. Aber er hat gar keinen Ehrgeiz u. viel mehr Mut als ich, er ist der Allgemeinheit gegenüber viel ideologischer als ich u. den Ein im Verhältnis zu den Seinen viel pflichtvergessener, viel skrupelloser. Er hetzt sich mehr um als ich, u. ist doch viel fauler als ich …
Für EvasMusik erreichte ich einiges. Ich holte ihr erst einen Prospect der Musikakademie u. war dann bei Professor Kellermann, dem Wolzogenschen Kraftmeyer4, den wir aus Urfeld5 kennen. Er sitzt im Directorium der Akademie, wo er Musikgeschichte doziert. Er versprach sich E’s anzunehmen. Entweder verschafft er ihr die Erlaubnis an einer Kirche zu üben, u. dann kann sie Privatunterricht nehmen. Oder sie tritt als Schülerin in die Akademie ein u. wird von allem Brimborium der Nebenfächer befreit u. kann sich ganz auf das Orgelspiel concentrieren. Das Semester beginnt dort am 15. II., u. wenn wir nun weiter möbliert hausen, hat ja Eva keine Umzugs= u. Wirtschaftssorgen u. kann ihr Studium gleich fortsetzen.
Ich traf Kellermann am Freitag Nachm. in dem winzigen Häuschen neben dem Straßenbahndepôt in der Nymphenburgerstr. Wir plauderten lange im Dunkeln; er will bald schriftlichen Bescheid geben. –

Page: Neues Blatt Vom Politischen habe ich allerhand Einzelnes ja schon überall mitgeschildert, wie denn ja Politik jetzt in alles genau so u. fast noch mehr hineinspielt als vorher der Krieg.
Aber ganz wesentliche Bereicherungen brachten mir vor allem zwei Versam̅lungen. Am Dienstag (10/XII) nahmen mich M.’s gleich mit in den „Politischen Rat geistiger Arbeiter“, dem H. natürlich angehört, u. der eine Veranstaltung im bayrischen Hof hatte. Ein großer eleganter Saal mit Stuck- u. Malerei-Verzierung u. großem Podium. Wir kamen sehr früh hin, weil Elena weit vorn sitzen wollte. Sehr elegantes Publikum, Literatur u. Judentum – abseits vom Volk. Umso ekelhafter fand ich diese speichelleckerische angstvolle Anbiederung, die sich schon im Namen „geistiger Arbeiter“ kundtut. Du sollst u. mußt Proletarier sein! Auf der Bühne am Tisch ein Vorstand von 6–8 Herren, Literaturtypen. Im Saal die Eleganz künstlerischer u. studierter Frauen vorherrschend. Mehrere hundert Leute – „Volk“ fehlt ganz. Vom Vorstandstisch erhebt sich ein junger mehr stäm̅iger als schlanker Mann, glattrasiert, sehr starker breiter Unterkiefer, Riesenmund, schwere graublaue Augen, spärliches Blondhaar, gescheitelt, mit Glatze, elegant, in Ton u. Haltung straff u. männlich wie ein Offizier – aber nicht von der Simplicissimussorte6. Bruno Frank, dessen feine „Schwestern u. der Fremde“7 wir hier im Schauspielhaus sahen. Er liest seinen Vortrag „Revolution u. Nächstenliebe“8, aber er liest ihn mit guter, einfacher, kräftiger Betonung u. wird bisweilen warm, wobei sein sprödes unsentimentales Organ gut u. anziehend wirkt. Er unterstreicht, er wolle Praktisches bieten, er streift Wirtschaftliches u. Arbeit mehrfach, daß es nun ans Bürgerportemonnaie gehe, daß wir nun, so furchtbar schwer uns das auch fallen werde, auf die Vorteile des Besitzes, des Lebens in Schönheit

Page: Neues Blatt würden verzichten müssen. Man müsse freiwillig auf sich nehmen, müsse wollen, was doch nicht mehr zu vermeiden sei, die Herrschaft der Gesam̅theit, man müsse Nächstenliebe üben. All das sehr hübsch mit seinen Bemerkungen u. Citaten, worunter ein Stück aus V. Hugos Rede auf Voltaire9 mächtig dastand – – aber im Allgemeinen blieb es doch beim Allgemeinen u. Verschwom̅enen; freilich festigt sich bei mir der Eindruck, daß es in Volksversam̅lungen immer beim Allgemeinen, Verschwom̅enen, Trivialen bleiben muß. (17/XII) Über den auch der Aufruf der Leute, den ich mir aufbewahrt habe, nicht hinauskam.[)] Nach Frank sprachen eine Menge Discussionsrednern, verschiedene interessante Typen. Einer zog ein dickes vorbereitetes Ms. aus der Mappe u. begann einen Vortrag über die Schäden der Universitätsverfassung. Er wurde unterbrochen u. mußte aufhören. Ein Männchen mit verkniffenen Augen hinter Brillengläsern behauptet Proletarier u. Arbeiter gewesen zu sein u. sprach unter stürmischem Beifall gegen das aufreizende Verhalten derer, die unbeschäftigt im Kaffeehause säßen, wenn der Proletarier zur Arbeit gehe oder totmüde heimkehre. Einer forderte mit vieler Energie bestimmtere Projecte statt allgemeiner Redensarten, gab aber selber nur Phrasen. Einige warfen Frank vor, daß er im Jahre 14 Kriegsgedichte geschrieben, viele, daß er jetzt nur aesthetisch gesprochen habe. Er, voller Erbitterung: er sei sich gar nicht bewußt, „so furchtbar schön“ geredet zu haben, u. Verrat der eigenen Anschauung sei es nicht, wenn man sich 1914 begeistert habe, weil man damals noch an Deutschlands Unschuld glaubte, u. wenn man jetzt anders empfinde! Ein junger Mensch mit peinlichem stereotypen Lächeln, aber nicht der Unverschämtheit, wie ihm vorgeworfen wurde, sondern offensichtlich der Befangenheit, hatte den Mut sich gegen

Page: Neues Blatt die allgemeine Stimmung zu wenden: das Volk wolle vom Gebildeten gar nichts wissen, er sei als freiwilliger Lehrer bei Volkskursen sehr schlecht gefahren. Tobende Entrüstung. Ein genial aussehender Alter mit langem weißem Haar, der Maler, u. wie mir Hans sagte, bezahlte russische Agent Stuckkogld10 sprach in unverständlich gebrochenem Deutsch u. in unverschämtestem Ton für die Bolschewiki in Rußland. Man unterbrach ihn oft, er überschritt die festgesetzte Discussionszeit u. war nicht still zu machen. Ein komisches Intermezzo brachte eine saudumme Blondine in die peinliche Öde, indem sie sich mit gretchenhafter Naïvität als Bibliothekarin einer Volkslesehalle aus zu erkennen gab, von ihren Erfahrungen redete u. Verse zu lesen begann, die sie zur Sache gemacht habe. Furchtbare Leierverse, so daß ich mich für das Geschöpf schämte. Man lachte, man rief „Schluß“, andere brüllten: „Redefreiheit!“, andere wieder: „Aber keine Dichtfreiheit“ – u. da das Mädel andauernd weiterleierte, so klatschte schließlich der ganze Saal so dröhnend u. anhaltend, daß der Applaus alles zudeckte u. schließlich das Aufhören erzwang …. Im Ganzen hat mir diese Versam̅lung einen elenden Eindruck gemacht. Schmocks11, Literaten, Phraseure, Manteldreher, Feiglinge! Was heißt denn das: ihr müßt auf Geld verzichten, ihr müßt Masse werden, mitarbeiten, Euch unterwerfen? Wie kann Kunst werden, wo Not herrscht? Der Künstler, der Gelehrte müssen frei sein von Sorge ums Brod. Egal ob der Künstler u. Gelehrte aus Fürsten= oder Proletenkreisen stam̅t – er kann einfach nicht schaffen, wenn er geldlich gelähmt ist. All diese Schmöcke – einer war dabei, ständig ein Glassbrennersches Wort citierend: „den verfluchten Kerl, den Geist, wollen wir

Page: Neues Blatt schon kriegen!“, das war geradezu eine fleischgewordene Carikatur des Schmock, saß im Vorstand auf an dem Gulbranssontisch12 u. stand auf der Rednerbühnetribüne – all diese Schmöcke wissen das so genau wie ich, aber zur Zeit sind sie „geistige Arbeiter“, Proletarier, um morgen wieder exclusiv, u. übermorgen noch etwas anderes zu werden. (So wie Scherls Woche13 dort, wo sonst das obligate Kaiserbild stand, jetzt ein mächtiges Wilsonbild14 bringt.) – – Die Versam̅lung schien mir groß u. heftig bewegt. Aber sie war auch nur eine aesthetische Spielerei gegen den Donnerstag=Abend (12/12).
Es waren da zwei Wahlversam̅lungen der Unabhängigen Sozialdemokraten angekündigt. Wir gingen zum Treffler15, wo die Carnevalsredouten stattfinden sollen, in der Sonnenstr. Wir, d. h: Hans, Elena, Merz u. ich. Gegen 7 Uhr fanden wir den Saal wegen Überfüllung polizeilich geschlossen. Hans führte uns durch das Lokal. Ein Wärter verteidigte den illegitimen Eingang bereits gegen mehrere Leute. Hans sagte, er müsse den Ministerpräsidenten persönlich sprechen u. schlüpfte durch. Ich wollte ihm folgen u. wurde an den Armen zurückgehalten. Ich sagte mit Nachdruck, ich müsse unbedingt direct zu Eisner, ich hätte ein Schreiben vom Kriegsministerium in der Tasche – u. passierte damit wirklich. Gleichzeitig drückten sich Merz u. Elena vorbei. Durch schmale Buffeträume kamen wir in einen Riesensaal, direct unterhalb des großen Podiums. Der Saal war drückend heiß u. rauchig. Tausende von Menschen pferchten sich hier u. auf den umlaufenden Tribünen zusam̅en. Es standen aber überall rechts runde Tisch[e], an denen getrunken, ja sogar gespeist wurde. Zwischen den Tischen Links waren Sitzreihen angeordnet. In alle Lücken zwischen Bänken u. Tischen u. in den Gängen stopften sich stehende Menschen. Und durch all dieses Gedränge

Page: Neues Blatt schoben sich immer wieder Kellnerinnen mit 6, 8, 10 schweren Bierseideln in den Händen vor sich! Es war eine unerhörte Kraftleistung. Die Hitze war bald so groß, daß man geöffnete Waffenröcke sah. Auf dem großen Podium saß eine bunte jugendliche Gesellschaft, wohl die Verwandtschaft der Soldatenräte usw. Die Stufen vom Podium zum Saal waren ebenfalls gedrängt voll. Besonders malerisch machte sich ein Soldat mit langen bunten Schleifenbändern vor der Brust, der erst geschäftig herumeilte, dann auf dem Podiumrand saß, die Beine in den Saal baumelnd. Ich erkannte den wilden blonden Jungen besonders an ein paar Halsnarben wieder. Wir waren zusam̅en von Leipzig nach München gefahren. Er trug Stiefel, die er sich rühmte einem Offizier gewaltsam abgenom̅en zu haben, er erzählte, er habe einmal 6 Monate Festung abgebüßt, weil er einem Leutnant „eene jeklotzt“, er sagte dem controllierenden Schaffner, man habe ihm sein Billet in Leipzig weggenom̅en, verlachte die Aufforderung auszusteigen u. zeigte mir nachher triumphierend einen nach Breslau lautenden Fahrschein. Dieser Revolutionsheld – – eine reife Persönlichkeit übrigens gegen die 17jährigen, die in Berlin demonstriert haben für die Abschaffung des Züchtigungsrechtes u. für das Wahlrecht von 18 Jahren an!! sub serio16 u seriös genom̅en! – – der also schmückte besonders das Podium. Vorn links ein Rednertischchenpult, vorn rechts ein Vorstandstischchen, an dem eine Frau mit Kneifer u. ohne plastische Reize praesidierte. Sie tat es sachlich, ohne Geschrei u. allzu vieles Klingeln; nur manchmal wenn ihre Stimme den Höllenlärm gar nicht mehr durchdrang, sprach ein Mann für sie. Das Wort erhielt gleich der Minister für Soziales,

Page: Neues Blatt Unterleitner. Ein Dreißiger etwa, braunhaarig mit kleinem Schnurrbart, schlank, ohne besondere Merkmale. Um sich in dem ungeheuren Raum verständlich zu machen, überschrie er sich u. hackte die einzelnen Worte ab, ganz wie neulich Lipinski hier in Leipzig. Aber er sprach wärmer, fesselnder, dabei sachlich. Freilich hielt auch er sich im Allgemeinen. Er verteidigte die Unabhängigen, die in Süddeutschland offenbar gemäßigter sind als bei uns, nach rechts u. links. Er wurde warm, als er von den Frauen sprach, die nun zu ihrem Recht kommen sollten. (Einmal schien es mir, als deute er auf Sonja Lerchs armes Schicksal hin). Wärmer, als er die „Lüge“ zurückwies, daß die Entente mit den A. u. S=Räten nicht verhandeln wolle. sie habe die S -Räte in der Pfalz wieder eingesetzt. (Hier gab es wilde Zustimmung, wildes Pfui-Rufen gegen die „Lügenpresse“ etc) Er verteidigte aber unsere A- u S. Räte gegen den Vergleich mit den russischen. Diese hätten das Chaos geschaffen, jene schüfen Ordnung. Er fand endlich fanatische Töne, als er von Eisner redete. „Kurt Eisner ist das Schwert der Revolution“ .. „Ich bin Sozialdemokrat, u. ich stehe zu unserm genialen Führer, der nicht einen, der alle zweiundzwanzig Throne in Deutschland gestürzt hat, u. nur über meine Leiche geht der Weg zu Kurt Eisner!“ Tobender Beifall … Die Discussion wurde eingeleitet durch die Frage nach Redefreiheit oder =Befristung. Man nahm Redefreiheit an. Um sie durchaus nicht immer zu gewähren. Einer begann ein schönphrasiges Ms. leise vorzulesen – ein Gegenstück wohl zu den Versen der Dichterin im geistigen Rat – u. man schrie u. tobte, bis er abtreten mußte. (Dabei gab es den witzigen Zwischenruf: „Druckenlassen u. verteilen!“) Ein hagerer sanfter heiserer Mann

Page: Neues Blatt redete für die Mehrheitssocialisten u. ertrank förmlich im tobenden Zorngebrüll der Menge. „Ich bin ein Sozialist!“ – „Bourgeois! Bourgeois! Bourgeois!!“ Er schien den Leuten irgendwie persönlich bekannt u. als doppeldeutig bekannt zu sein. Ich sah förmlich zähnefletschende Gesichter ihm entgegendrohen. Auf seine Beteurung, er sei dennoch Sozialist, kam einmal laut u. vereinzelt der Gegenruf: „A Schmarrnkibi bist!“ Es gab auch gellende Pfiffe. Er mußte abtreten .. Den stärksten Eindruck machte als Discussionsredner, ein Doctor Levin17, vom Spartacusbund (Spartákus betont das Volk) aus Berlin verschrieben. Er soll ein Balte sein, vielleicht ist es ein blonder Jude. Eine kalte, blonde, unverschämte Romanschönheit. Schlank u. jung in feldgrauer Uniform mit hohem Kragen, bartloses Gesicht, große graue befehlende Augen, blonde Mähne, nicht langwallend, befehlender durchdringender Ton, weite mächtige Armbewegungen: „Kameraden, Genossen, Bürger, Bürgerinnen!!“ Er tobt gegen die Bluthunde Ebert u. Scheidemann18 in Berlin, er tobt gegen die Lügen, mit denen man die edlen Bolschewikí (Oxytonon19) bei uns verunglimpfe, er drängt die zu sanfte Regierung Eisner vorwärts, er verdächtigt Auer20, er ist nicht für die Einigkeit, die Unterleitner predigt, er nimmt kalt u. geschickt alle Zwischenrufe, Beifall u. Ablehnung hin (Wann „Waren Sie in Rußland?“ – „Ich bin in Moskau geboren!“ .. Muß aber später zugeben, daß er während des Krieges u. der nachfolgenden Revolution nicht dort war! – „Er ist kein Bayer!“ – „Dies ist ein bayrischer Rock!“ Und er rüttelt an seiner Uniform ..), er spielt ständig großes Spiel mit wilden Gesten und befehlendem Dastehen u. schneidender Sprache. Keine Gestalt prägt sich so stark ein wie diese widerwärtige u. schauspielerische.

Page: Neues Blatt ... In dem entsetzlich stickigen Saal ist ständiger Lärm. Irgendwo sind immer Rufe und Gegenrufe, man meint, der nächste Augenblick müsse zu Tätlichkeiten führen. (Prof. Escherich21, mit dem ich Freitag Nacht zurückfuhr, sagte mir allen Ernstes, es würde Blut fließen, wenn wir noch das alte Bier hätten, aber das Kriegsbier sei zu leicht.) Mit einemmale wird es still. Alles sieht nach einer Seitentür, wo ein kleines Gedränge entsteht. Man flüstert: „Eisner, Eisner ist da!“ Der gerade redet, bricht ab u. bringt unvermittelt ein Hoch auf Eisner aus. Es ist ein Soldatenrat; er setzt an mit „Hurr ..“ unterbricht sich und ruft „Hoch, Hoch, Hoch!“ Stürmisches Mitrufen der Menge. Eisner kom̅t dicht an mir vorbei, u. beim Weggehen sehe ich ihn noch einmal fast in „Tuchfühlung[“]. Ein zartes gebrechliches winziges gebeugtes Männchen. Der Schädel kahl, nicht imposant groß. In den Backen hängen ihm schmutziggraue Haare. Der Vollbart ist rötlich, schmutziggrau, die schweren Augen sehen trübgrau durch Brillengläser, nichts Geniales, nichts Ehrwürdiges, nichts Heroisches ist an der ganzen Gestalt. Ein leidender, verbrauchter, mittelmäßiger alter Mann, dem ich mindestens 65 Jahre gebe. Der Einleitung eines Buch[es] nach das von ihm im Saale verkauft wurde, ist er erst 1867 geboren. Sehr jüdisch sieht er nicht aus, germanisch oder bajuvarisch erst recht nicht. Als er nachher auf dem Podium frei, nicht hinter dem Rednerpult, herumwitzelte, erinnerte er mich an die Zeichnung des Herrn Wippchen 22… Es wird verkündet, er müsse sich ein paar Minuten ausruhen, inzwischen soll weiter discutiert werden. Das geschieht eine Weile, dann tritt er vor. Er spricht leise u. ist doch überall verständlich, weil alles ehrfurchtsvoll schweigt. Er sei leidend, er sei auch den Abend über nicht hiergewesen, er könne also alles ablehnen u. widerlegen, weil er nichts gehört habe. Dies ist der erste Witz von vielen,

Page: Neues Blatt der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos, u. wird ihm immer dankbar bejubelt … „Wenn mich einer vorwärts drängen will, den fürchte ich nicht; ich bin allen Drängern voran, denn ich bin ein Phantast, ein Schwärmer, ein Dichter!!“ Rasender Beifall .. „Ich spreche nicht als Ministerpraesident, ich spreche als Unabhängiger u. Verräter … Ich sollte Sie auffordern, unabhängig zu wählen, ich tue es nicht; folgen Sie Ihrer Meinung – u. lassen Sie uns einig sein!“ Immer wieder tobender Beifall. „Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit; nur ein paar Tage noch möchte ich als Ihr Ministerpraesident arbeiten können!“ Eine Stimme von der Gallerie: „Hundert Jahre!“ Eisner verbeugt sich mit weiter Armbewegung: „Ich werde mich bemühen, dieser Anregung nachzukom̅en.“ Tobendes Entzücken. „Aber ich wollte ja nichts sagen u. fühle daß ich ins Reden komme ..“ Ein feuilletonistischer Plauderer unter Freunden, die ihm bestimmt zujubeln, er sage, was er wolle, ein vielgeliebter Praesident eines Kegelclubs, ein Erfolgsicherer Komiker, der gelegentlich eine moralische Note anschlägt. So zum Schluß die ganz literarische Aufforderung am Sonntag ins Nationaltheater zu kom̅en, wo Andreas Latzko, der Mann der „Menschen im Kriege“23, des besten Kriegsbuches neben Barbusse24, sprechen werde; denn auf die Erneuerung der „Seelen“ kom̅e alles an … Eines ist mir rätselhaft: wie kann dieser Feuilletonist, diese Wippchennatur ohne heroische, ohne dictatorische Geste auf das Volk u. nun gar auf die Bayern wirken? Aber eines ist mir gewiß geworden: er herrscht in Bayern, er ist im Volke verankert, das ihn wie einen Gott verehrt. Vielleicht wird er bald fallen, aber zur Zeit stützt er sich gewiß auf das Volk …

Page: Neues Blatt Ich war nach diesem Eisnerabend von Hitze u. Müdigkeit vollkom̅en erschöpft, ich war um keinen Satz bereichert, den ich nicht 100 x aus 101 Zeitungen erfahren hatte; dennoch habe ich den größten Revolutionseindruck empfangen. Unterleitner, Levin, Eisner, die Masse – welche seltsame, rätselhafte, unberechenbare, alogische Angelegenheit! – –
Auf der Bahnfahrt, Freitag Nacht, fand ich zufällig gleich einen Sitzplatz. Im Coupé fuhren mit mir ein ungarischer Schneider mit Frau u. Kind – sie waren in Berlin ansässig, er hatte als Soldat im Lazarett gelegen, sie holte ihn ab – ein Bühnenmeister von Reinhardt, ein bayrischer angehender Student u. ein Herr, Mitte der Vierzig mit kleinem Spitzbart u. einigen Narben, vergnügt, ein bischen lasciv gegen die kleine ungarische Frau, aber gutmütig u. zutunlich. Wir kamen ins Gespräch, es war ein Dekan der Münchener Universität, Ordinarius für irgendwelche Forstschädlingslehre: Escherich. Er erzählte, Eisner zu kennen, u. einen seiner Berater, Prof Bonn25. Eisner sei eine vollkom̅en unselbständige Natur. Ohne Directiven könne er nichts unternehmen, habe er früher als Redacteur des Vorwärts26 keinen Artikel zustande gebracht. Der kom̅ende Mann in Bayern, wenn nicht sein Praesident, sei Dr. Heim27, der geniale Organisator des Bauernbundes, der als Gymnasiallehrer u. Neuphilologe angefangen habe. Er sei, trotz Centrumszugehörigkeit, kein Schwarzer (wie auch die Bauernschaft nicht mehr klerikal sei!); in seinen mächtig wachsenden Volksbund träten auch Juden u. Protestanten … Ich fragte den Professor, was eigentlich den König Ludwig so ganz entwurzelt habe. Antwort: in den letzten Kriegsjahren sei er besessen gewesen von dem Gedanken, „Ludwig

Page: Neues Blatt der Mehrer“ zu werden. Er habe Straßburg für Bayern haben wollen, es sei ihm zugesprochen worden, sofern er die preußische Politik mitmache. Seitdem sei er preußisch-alldeutsch gewesen, u. das Volk habe sich verraten gefühlt, verkauft durch seinen König an das verhaßte Berlin. Folgte eine lange Reihe überzeugter Schmähungen gegen Preußen u. Preußentum u. preußischen Militarismus u. preuß. Unterdrückung Bayerns ante bellum28. Auch die Berliner erhielten ihr Fett, doch gab der Professor zu, daß es in Berlin selber gar nicht so übel sei – nur der auswärtige Berliner mache sich verhaßt. (Worin etwas Wahres liegt.) [„]Hätten wir 1914 gesiegt, Bayern wäre verloren gewesen, versklavt durch Preußen!“ – Der Professor Escherich, der in Regensburg ausstieg, um sich in dem stillen „erstarrten Mittelalter“ zu erholen, war die markanteste Gestalt der Rückfahrt. Auf der Hinreise machte mir jener Junge Spaß, den ich dann als Ordner der Eisner-Versam̅lung wiedersah. Auch prägte sich mir ein biederer Landsturmmann ein, der jäm̅erlich überzeugt erklärte, es sei gerecht, daß Deutschland gestraft werde, denn es habe „gesündigt“. Endlich ein etwas großsprecherischer halb gebildeter Dolmetscher für das Russische, der aus der Ukraine kam u. Republikanismus mit Antisemitismus vereinigte. Schließlich gab es noch Lustspielscenen. Ein weißhaariger schwäbischer Onkel hatte 2 Backfische aus dem Pensionat im Harz abgeholt u. reiste auf 3 Billette 2. Klasse für mehr als 200 M. Man verstaute sein Gepäck im Abort u. er mußte es bewachen. Inzwischen freundeten sich die unbewachten Backfische mit Soldaten an u. rauchten Cigaretten. Der Alte klagte, schimpfte, war hilflos .. Ich weiß nicht ob

Page: Neues Blatt der Zug bei der Hin= oder Rückfahrt voller war. In Leipzig fand ich natürlich nur Stehplatz, den ich erzwang, indem ich über allerlei Beine hinweg kletterte. In Plauen konnte ich mich auf ein Bänkchen im Gang setzen, dicht an gebrochener Fensterscheibe. In Hof erst fand ich einen Sitzplatz. Einmal kletterte ich heraus in die frische Luft. Zurück durch die Tür ging es nicht. Zwei Matrosen hoben mich mit lautem Verladecom̅ando durchs Fenster hinein. Auf gleichem Wege gelangte ich Sonnabend früh zurück auf den Leipziger Boden. Etwa drei Stunden Verspätung gab es beidemale … Bevor ich neulich von hier abfuhr, die letzte Stunde zu Haus zwischen Café u. Abreise – das Café schließt um ½ 11, der Zug ging um 1 Uhr – war ich erst ungenießbar vor Ärger über das Reisenmüssen u. böser Vorahnung, dann aber fanden wir uns im besten Trost zusam̅en. –
||Das Ergebnis dieser Tage: Regelung der Militärsache, Ankündigung der Vorlesungen, keine Wohnung, große politische Eindrücke.||

Page: Neues Blatt

Fußnoten

  • 1

    Theodor Wolff – Theodor Wolff (1868–1943), Journalist und Schriftsteller; seit 1887 Mitarbeiter, 1906–1933 Chefredakteur und Leitartikler des liberalen „Berliner Tageblatts“, 1918 Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, 1943 in Nizza verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt, starb im Israelitischen Krankenhaus in Berlin-Moabit.

  • 2

    Berghausen – Berghausen, Artillerie-Offizier in der Münchner „Maximilian-II-Kaserne“ während der Ausbildung Victor Klemperers als Kanonier im Sommer 1915.

  • 3

    Ballabene – Raimund Rudolf Ballabene (1890–1966), Maler und Graphiker; nach der Niederschlagung der bayerischen Räteregierung mehrere Jahre in Haft; lebte später in Prag; erhielt dort im September 1943 durch die „Reichskammer der Bildenden Künste“ Berufsverbot; wirkte nach 1945 in Österreich.

  • 4

    dem Wolzogenschen Kraftmeyer – Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen (1855–1934), Gründer des Berliner literarischen Kabaretts „Überbrettl“, verspottete in dem satirischen Roman „Der Kraft-Mayr“ (1897) die damals verbreitete Wagner- u. Lisztschwärmerei; offenbar hatte ihm Berthold Kellermann dabei als Modell gedient.

  • 5

    aus Urfeld – Im oberbayerischen Urfeld verbrachten Victor und Eva Klemperer während ihrer Münchner Zeit ab 1912 mehrfach Urlaubswochen.

  • 6

    von der Simplicissimussorte – „Simplicissimus“, politisch-satirische Wochenschrift, gegründet 1896 in München; übte (auch mit ihren Karikaturen) vor allem vor 1914 die schärfste Gesellschaftskritik in Deutschland.

  • 7

    dessen feine „Schwestern u. der Fremde“ – Das Schauspiel „Die Schwestern und der Fremde“ von Bruno Frank wurde 1918 in München uraufgeführt.

  • 8

    seinen Vortrag „Revolution u. Nächstenliebe“ – Bruno Franks Rede erschien 1919 in München unter dem Titel „Von der Menschenliebe“.

  • 9

    ein Stück aus V. Hugos Rede auf Voltaire – Victor Hugo, „Centenaire de Voltaire“, Gedenkrede zum 100. Todestag Voltaires (1878; dt. „Appell an das Gewissen“, 1918).

  • 10

    Stuckkogld – Stanisław Stückgold (1880–1939), poln. Maler und Graphiker; studierte 1905/06 an der Warschauer Kunstschule, lebte danach im Ausland; neigte stark zum Symbolismus.

  • 11

    Schmocks – Schmock: Bezeichnung für den Typus des gesinnungslosen Journalisten; nach der gleichnamigen Gestalt in Gustav Freytags Schauspiel „Die Journalisten“ (1854); nicht selten mit antisemitischem Unterton gebraucht.

  • 12

    an dem Gulbranssontisch – Olaf Gulbransson (1873–1958), norweg. Maler, Zeichner und Graphiker; arbeitete seit 1902 in München als Karikaturist für die Zeitschrift „Simplicissimus“.

  • 13

    Scherls Woche – Die Zeitschrift „Die Woche“; sie erschien seit 1899 im Scherl-Verlag.

  • 14

    ein mächtiges Wilsonbild – Thomas Woodrow Wilson (1856–1924), 28. Präsident der USA (1913–1921); führte die USA am 6. 4. 1917 auf Seiten der Entente in den Weltkrieg, setzte sich in den „Vierzehn Punkten“ (8. 1. 1918) für einen Frieden des gerechten Ausgleichs und die Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit ein.

  • 15

    Treffler – Das Hotel Trefler in der Münchener Sonnenstraße.

  • 16

    sub serio – serius (lat.) ernsthaft; hier im Sinne von: in vollem Ernst.

  • 17

    ein Doctor Levin – Max Levien (1885–1937), 1919 Mitbegründer der KPD in München und Redakteur der Münchner „Roten Fahne“, mit Eugen Leviné als Mitglied des Vollzugsrates ab 13. 4. 1919 einer der Führer der Münchner Räterepublik; am 7. 10. 1919 in Wien verhaftet, jedoch nicht an Deutschland ausgeliefert; ab Juni 1921 in der UdSSR; war u. a. als Redakteur und Dozent in Moskau tätig; im Dezember 1936 im Zuge der Stalinschen „Säuberungen“ verhaftet, im März 1937 zu 5 Jahren Lagerhaft verurteilt; das Urteil wurde am 16. 6. 1937 in ein Todesurteil umgewandelt und unmittelbar vollstreckt.

  • 18

    Scheidemann – Philipp Scheidemann (1865–1939), sozialdemokratischer Politiker; vertrat im Ersten Weltkrieg die gemäßigte Linie der Mehrheit seiner Partei; Staatssekretär in der Regierung des Prinzen Max von Baden, rief am 9. November 1918 die Republik aus und wurde Mitglied des Rates der Volksbeauftragten. Von Februar bis Juni 1919 Ministerpräsident an der Spitze der „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und DDP.

  • 19

    Oxytonon – Oxytonon (griech.) auf der letzten Silbe betontes Wort.

  • 20

    Auer – Erhard Auer (1874–1945), sozialdemokratischer Politiker, 1907–1933 Mitglied des bayerischen Landtages, seit 1919 auch des Reichstages; bei dem Attentat eines USPD-Anhängers unmittelbar nach der Ermordung Kurt Eisners am 21. 2. 1919 schwer verwundet, trat Auer als bayerischer Innenminister zurück, behielt aber bis 1933 die Führung der bayerischen Sozialdemokratie.

  • 21

    Prof. Escherich – Karl Escherich (1871–1951), Forstwissenschaftler und Entomologe; ab 1907 Professor an der Forstakademie Tharandt, 1914–1936 an der Universität München; sein älterer Bruder, der Forstrat Georg Escherich (1870–1941), gründete Mitte 1921 nach dem Verbot der Einwohnerwehren in Bayern die „Organisation Escherich“ („Orgesch“), die in Bayern und Österreich auf 1 Million Mitglieder anwuchs und zahlreiche rechtsextreme Anschläge und Fememorde verübte.

  • 22

    an die Zeichnung des Herrn Wippchen – Die Figur des Berichterstatters Wippchen war die gelungenste Schöpfung des humoristischen Schriftstellers Julius Stettenheim (1831–1916); „Wippchens sämtliche Berichte“ erschienen in 16 Bänden 1878–1903.

  • 23

    Andreas Latzko, der Mann der „Menschen im Kriege“ – Andreas Latzko (1876–1943), in deutscher Sprache schreibender ungar. Schriftsteller; ehemals Offizier, emigrierte 1938 nach England; sein Band mit pazifistischen Novellen „Menschen im Kriege“ erschien 1917.

  • 24

    Barbusse – Henri Barbusse (1873–1935), frz. Romancier, Lyriker und Journalist; wurde berühmt mit seinem Antikriegsbuch „Le feu“ (1916; dt. „Das Feuer“, 1918).

  • 25

    Prof Bonn – Moritz Julius Bonn (1873–1965), Nationalökonom; 1910 Professor an der Handelshochschule München, 1920–1933 in Berlin; Berater der bayerischen Regierung, Sachverständiger der Reichskanzlei für Reparationsfragen auf den Konferenzen von Spa, Brüssel und Genua.

  • 26

    des Vorwärts – „Vorwärts“, Zentralorgan der SPD, gegründet 1876 als sozialdemokratische Wochenschrift; erschien ab 1891 als Tageszeitung; 1916 bis zum Verbot 1933 geleitet von Friedrich Stampfer.

  • 27

    Dr. Heim – Georg Heim (1865–1938), bayer. Politiker; Organisator des bäuerlichen Genossenschaftswesens in Bayern („Bauerndoktor“), 1918 Mitbegründer der Bayerischen Volkspartei (BVP).

  • 28

    ante bellum – ante bellum (lat.) vor dem Krieg.

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