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Klemperer Online

Tagebücher 1918–1959

[ Klemperer Online: Diaries, 1918–1959 ]

Ed. by Nowojski, Walter / Löser, Christian

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Wir sitzen harmlos beim Abendbrod. Plötzlich ein Geruch, rasch zum Gestank verstärkt, wie von einem stark desinfizierten, stärker überschwem̅ten Pissoir. Eva nimmt das Taschentuch vor die Nase. Ich: ¿Que olor?1 – Der Kellner: No percibo nada. Es la cocina2. Wir denken, eine Örtchentür sei irgendwo offen u. fliehen in die andere Ecke des Riesensaals. Der Fisch erscheint. Der Gestank mit ihm. Es ist, als habe man einen alten Nachttopf über das Tier gegossen. Der Kellner hat doppelt recht: er riecht nichts, u. es ist wirklich la cocina. Die andern essen den Fisch mit Behagen, u. nur wir, die verrückten Ingleses glauben zu sterben. Wir dachten einen Augenblick daran schon heute weiterzufahren. Aber wozu? León wird nicht besser riechen, u. 14 Tage müssen noch in Spanien ausgehalten sein.
||.. Edgar Kaufmann schrieb mir, ich betonte die nationalen Unterschiede so sehr. Sicherlich: Menschen u. Menschen sind wie Wolfshunde u. Möpse: die gleiche Rasse aber doch absolut andere Lebewesen. Dabei ist mir aufgegangen, was die Eigenart der Juden ausmacht, u. ihre Unbeliebtheit u. ihre Tragik. Sie gehen geistig gegen die menschliche Natur u. über sie hinaus. Geistig, u. damit quälen sie alle körperlichen Menschen u. ihre eigene Körperlichkeit. Der Mensch stellt sich den Gott im Bilde vor. Die Juden haben den bildlosen, den Ideegott u. den einen Gott. (Aber sie sehnen sich doch nach dem bildlichen, dem greifbaren, dem||

Page:  ||menschlichen Gott. Siehe Schnitzler, siehe auch mich selber). Der Mensch liebt seinen Stammes=, seinen Nationalgott. Die Juden bringen den Gott der Welt hervor, Christus. (Um sich dann doch wieder abzusondern, stam̅haft zu erhalten. Und zum Dritten: die Menschen zerfallen in Nationen. Und der Jude hat den übernationalen, den Menschheitsgedanken. Sicher ist die russische Revolution zu  jüdisches Werk, u. Marx ist Jude. Aber sie schließen sich sehnsüchtig an ihre „Wirtsvölker“ an. Ich fühle mich durchaus als Deutscher. (Und übrigens ist der übernationale Zug nirgends stärker als beim Deutschen. Idee der Weltliteratur ist deutsch!) Und von den Wirtsvölkern verstoßen, träumen sie ein neues Zion. Unsinniger Traum, weil es ihrer – tragischen – Weltsendung widerspricht, die Menschheit, die Internationale zu schaffen. Ich weiß es u. weiß, daß mir nur Deutschland zusagt, u. daß ich am Geruch Spaniens sterbe. Oder auch an der Geruchs-Unempfindlichkeit Spaniens. No percibo nada! Wie muß sich eine Spanierin parfümieren, um auf die Nerven ihres Geliebten zu wirken! Und wie ungewaschen darf sie sein, ohne ihm übel zu riechen!
In mancher Beziehung ist der Spanier ziemlich undurchlässig. Seine harte nichts apostrophierende Sprache. Die Verwesungsbilder Riberas. Das blutige Pferd mit hängenden Därmen in der Corrida nur ein Zwischenfall, auf den zu achten sentimental wäre. All das gehört zusam̅en. Und seine mangelnde Musikalität. Und die Grellheit der mantones, der Seifen u. Parfums! Und das unendlich viele u. schwerfällige Essen. Montesquieus Satz, Südvölker äßen weniger als Nordvölker, ist falsch. Ich habe es in der ärmlichen Familie der Franzisca Madrago gesehen, was diese Menschen vertilgen. Zum Kaffee Milch in Strömen; zwischendurch Haufen von Eiern mit Milch dazu. Zum Almuerzo, zur Comida Fleisch- u. Fischmengen in Öl gebadet, u. das Öl wird mit Löffeln gegessen. Und sinnliche Undurchlässigkeit zeigt sich in der Verfallenheit u. Öde der Häuser. Auch hier im guten Hôtel nur getünchte Wände u. Decken, u. sie sind geschwärzt, u. irgendwo fehlt immer die Tünche, selbst im eleganten Comedor, u. irgendwo sind immer Fensterscheiben zerbrochen. Was man von spanischer Tapferkeit u. Grausamkeit und „Haltung“ sagt, hängt wohl auch damit zusam̅en. Im Sol oder der Voz las ich nämlich einen Artikel, der geradezu eine Paraphrase bedeutete zu Schnitzlers: „Was wäre das ganze Heldentum, wenn man nicht Angst hätte!“3 Auch der Artikelschreiber sagte, Heroismus, sei zum großen Teil das Fehlen der Nervosität, des Angstgefühls.
Wir sahen heute einen Pflug am Wege stehen. Einen Pflug, wie er vor 2 000 Jahren nicht anders gewesen sein kann. Durch eine Deichselstange ein schmales rohes Eisen gesteckt u. ein Holzgriff an der Stange. Keine moderne Form, die die Erde umschaufelt u. ernstlich durchwühlt.||

Page:  ||Wahrscheinlich ist der Boden so fruchtbar, daß er auch bei primitiver Bearbeitung manches hergibt. Aber doch nicht alles, was er hergeben könnte. Aber das Volk ist arm. Und in nächster Nähe sind hier Bergwerke, u. Spanien hat Eisen u. moderne Industrieanlagen! Aber es wim̅elt von Kirchen, u. zu vielen alten Kirchen hat man hier eben eine prunkvolle neue Kuppelkirche gebaut. In unserm kahlen Zimmer als einziger Schmuck ein rohes Christusbild, das Herz auf den Körper gemalt – wie vor tausend Jahren. Armes Spanien! Wird die umliegende von Europäern hereingetragene Industrie, wird das Automobil, wird Europa, wird die Menschheit über Spanien über Kirche u. Mittelalter siegen?
Warum lese ich von alledem nichts in unseren Reisebeschreibungen, unsern Spanienartikeln, Spanien=Verhimmelungen? Politik? Selbstbetrug? Romantik? Der verruchte Baedeker ist ein Kirchenhandbuch, sonst nichts. Und all unsere Reisebeschreibungen sind kaum etwas anderes. Charakteristisch, daß er den Weiler Naranco erwähnt, mit der einzigen Bemerkung, dort stünden „zwei leider verwahrloste Kirchen aus der Zeit Ramiros I4 (842–850), die von kunstgeschichtlichem Interesse sind“ (S 165 Ed 1906). Aber dieser Weiler bietet den ungeheuersten Rundblick. Unten in einem grünen welligen Kreissegment das Städtchen Oviedo. Die regelmäßige römische Lagerform ist ein wenig zerflossen, an ihrer Südostecke häuft sich rund ein mittelalterlich enger Häuserhaufen um die Kathedrale, deren Dach herausragt u. deren Turm mächtig dominiert. Und rings um die grüne Ebene Gebirge in vielen Ketten, überall stattlich u. im Südwesten riesig mit scharfen Kanten u. Spitzen. (Das alles lag gestern Nachm. u. heute Vorm. in blauem Dunst u. Nebel, dennoch sichtbar u. bedeutend). Und an diesem Weg sahen wir den Pflug. Und auf diesem Weg begegnet man immer wieder vor blauen zweirädrigen Karren den mächtigen Rindern mit der Melena u. roten Büffeln u. Glocken darunter u. zu Seiten. Und an diesem Weg stehen die eigentümlichsten Pfahlbauten, bald Schuppen bald wirkliche Wohnstätten mit steinbeschwerten Ziegeldächern; sie sind auf Holzpfeiler gestützt, die nach oben spitz zulaufen, u. zwischen ihnen u. den Balken des Hauses lagern breite Steinplatten; die Hauswände gehen oft in schräger Richtung nach oben, sodaß der Raum unten schmaler ist als oben, wo das Dach weit übergreift. Warum sagt der Baedeker nichts von alledem?||
Übrigens sind die beiden uralten Kirchen wunderschön. Die eine von außen ein flacher langgestreckter Steinkasten, merkwürdige Längsriffeln schmücken die Mauer. Ein Barockaufbau mit freien Glocken wird jünger sein. Innen ein Schiff. An der einen Schmalseite durch kleine dicke Säulen abgetrennt, in die ein Zopfmuster gegraben ist, der Altar. An der andern Schmalseite, durch gleiche Säulen abgetrennt, ein erhöhter Erker, wohl eine

Page:  Taufkapelle. Diese kleine Kirche ist noch in Gebrauch. Ein Geistlicher u. ein Junge fegten gerade aus. Die andere Kirche5 seitlich davon ist ein hoher schmaler Steinbau mit Anbauten, tiefliegend in grünem Rasen, von einer Mauer umzogen an der alte Eichen stehen. In die Mauer in die Anbauten sind Schmucksteine eingefügt, die von der ursprünglichen Kirche herstam̅en müssen. An diesem ursprünglichen Bau ist das Fensterwerk das Schönste u. Eigentümlichste. Es sind Romanische Fenster mit Mittelsäulchen, die in der Mitte verdickt sind. Man ist gewohnt solche Bogen= u. Säulenfenster in großen Ausmaßen zu sehen. Hier sind sie winzig klein, und das wirkt nicht jämmerlich, sondern zierlich u. rührend kindlich. In diese bedeutendere Kirche kann man nicht herein; es wird innen gearbeitet. Überhaupt stim̅te es nicht mehr mit der Verwahrlosung: eine breite Straße (oben noch in Arbeit) führt hier hinauf, u. unten steht ein Wegweiser: A los monumentos nacionales6, u. an den Kirchen wieder steht die Inschrift monumentos nacionales, u. es wird an „das elementare Anstandsgefühl“ appeliert, nichts an die Wände zu kritzeln. Aber nur bis an diese Kirche führt die breite Straße. Und dann geht es die kahle und doch auch bewachsene u. beackerte Bergwand (die den eigentlichen Nord-Hintergrund für Oviedo bildet) in Fuß= und Eselspfaden aufwärts. Und doch muß dort oben – ich vermute: an der uns abgekehrten Seite – ein Bergwerk liegen (man sieht Spuren von fetter gelber Erde) oder ein Steinbruch, denn ein Schienenstrang für eine Förderbahn führt steil aufwärts, u. überall weiter oben sieht man Siedlung u. ausgebreitete Wäsche u. Arbeiter u. Esel. Aber Spanien sorgt nur für seine Kirchen. –
Wir gingen gestern Nachm. ziemlich spät fort, tranken einen Kaffee u. verließen die Stadt an ihrem Nordostende in ziemlicher Tiefe. Wir sahen am westlichen Nordende eine kleine Kirche liegen, auf einem Hügel, zu dem ein Kammpfad zu führen schien. Wir hielten darauf zu, an Bahnanlagen entlang durch staubige Straßen. Es gelang uns nicht, an diese Kirche heranzukom̅en, aber wir fanden die große Straße zum „Weiler Naranco“, die an der Kirche vorbei u. über sie hinaus aufwärts führt. Wir gingen ein großes Stück, regenbedroht u. etwas gehem̅t durch Evas Migräne. Immer mit dem beschriebenen Blick auf die wellige Ebene, den Ort, das große Gebirgspanorama. Wir beschlossen, den Weg heute noch einmal zu machen u. zu Ende zu gehen. Fast hätte der Pissoirfisch unseren Plan zunichte gemacht. Aber E. fühlte sich sehr schlecht, wir legten uns um 10 Uhr hin, u. E. mußte sich gründlich ausschlafen. Dann sind wir

Page:  heute Vorm. in etwa vierstündiger Wanderung (10–2) mit diesem herrlichen Weg u. Blick, mit den Kirchen u. all dem andern zurande gekom̅en. Wir sind auch noch ein Stückchen den bösen Pfad über die Kirche hinausgeklettert. Es klingt paradox: ein kahler Berg u. doch bewachsen u. beackert. Aber man geht ständig zwischen Äckern u. Wiesen und Haide u. hat ständig vor u. über sich kahles Gestein u. eine kahle graue Bergkante. –
Eva schläft, u. ich will noch ein Stückchen Correctur lesen. Es sind immer nur winzige Correcturstückchen, die ich irgendwann zwischendurch (hier im Schreibraum, oder oben auf dem Bett, oder im Zug, wenn er nicht allzusehr rüttelt) erledige. Teubner muß warten. Mein Tagebuch ist momentan wichtiger. Ich habe nicht spanisch sprechen gelernt, ich bin nicht in die spanische Literatur eingedrungen: ich will mir wenigstens von spanischer Eigenart, vom Land, von seinem Geruch, von seinem Wesen Rechenschaft geben. Was aus meiner romanistischen Zukunft wird – alles was ich nicht kann u. nicht gelernt habe, was mich in Dresden erwartet, alle Bitterkeit, alle Enttäuschung, alle aufgehäufte Arbeit, aller Ärger mit Teubner – liegt wie ein Albdruck auf mir, und wenn ich in der Nacht aufwache, u. wenn ich bei Tage erschöpft oder angeekelt bin, mindestens zwei Dutzendmal in vierundzwanzig [Stunden], ist dieser Albdruck unerträglich. Aber ich zwinge mich dazu ihn immer wieder zurückzudrängen. Ich bin in Spanien, u. Spanien muß dominieren.
Ab Abends ½ 11. Speisesaal. Wir sind am späten Nachm. (½ 8) noch in einem Kino gewesen, dem Salon Toreno am Hauptplatz, gegenüber den wunderschönen u. unverhältnismäßig großen Anlagen mit ihren Rosen, Glycinien, ihren vorsintflutlichen Schlangenbäumen (so sehen die einzelnen geschuppten u. gewundenen Äste aus). Erst ein abgedroschener amerikanischer Unfug, womit die Welt, Deutschland leider inbegriffen, verseucht ist. Dann eine ausgezeichnet gespielte Madrider Zarzuela (mit vielem Text, teilweise in Versen). La Revoltosa7. Ein kleines Mädel vom Rastro, das einen Periodista verprügelt8 u. darüber mit ihm Freundschaft schließt. Sie ist ehrgeizig, er soll höher hinaus. Was soll ich werden? Limpiabodas9? Nein, Tischlerlehrling. Die beiden sind erwachsen, sie Plätterin, er Tischler. Liebe u. Eifersucht und Dépit amoureux und das Leben im Barrio10 und im Hof eines Proletarierhauses. Stolz, Koketterie, Nachstellungen alter Knaben – u. schließlich kriegt man sich. Das Spiel der „Protagonistas“11 ist alles u. ist sehr gut. Sie ein hieß Tapias12 u. hatte eine fabelhafte Ähnlichkeit mit der jungenHenny Porten. In einer Nebenrolle hatte man einen kleinen Jungen

Page:  ganz auf Jackie Coogan-Copie dressiert: Seine schiefgesetzte Mütze, seine Haare, seine Bewegungen. Aber er war nicht Jackie. –
Das Theaterchen für hiesige Verhältnisse beinahe elegant, dabei primitiv genug. Musik: ein gelegentlich vernehmbarer Klavierspieler .. Als wir um ½ 10 zurückkamen, war die Straße an der Promenade hell erleuchtet und ganz Oviedo promenierte. – Zum Abendbrod sehr viel Wein. –
Morgen 944 nach León. Oviedo war in summa eine große Bereicherung. Die mächtige Gebirgslandschaft von Naranco aus, die alten Kirchen dort ob[en], die Kathedrale hier unten, die alte u. moderne, kleine u. lebhafte Stadt. die hübsche Zarzuela.

Fußnoten

  • 1

    ¿Que olor? – ¿Que olor? (span.) Was riecht?

  • 2

    No percibo nada. Es la cocina – No percibo nada. Es la cocina (span.) Ich nehme nichts wahr. Es ist die Küche.

  • 3

    zu Schnitzlers: „Was wäre das ganze Heldentum, wenn man nicht Angst hätte!“ – „Was wäre denn die ganze Courage wert, wenn man nicht Angst hätte“; Replik des Studenten und Landwehrmannes Plank in: Arthur Schnitzler, „Der junge Medardus. Dramatische Historie in einem Vorspiel und fünf Aufzügen“ (1910), Vorspiel, zweite Szene.

  • 4

    aus der Zeit Ramiros I – Ramiro I. (um 790–850), 842–850 König von Asturien.

  • 5

    Die andere Kirche – Bezieht sich auf die Kirche Santa María del Naranco, ursprünglich Residenz von Ramiro I., bedeutendes Denkmal der Präromanik; errichtet 848.

  • 6

    A los monumentos nacionales – (span.) Zu den nationalen Denkmalen.

  • 7

    La Revoltosa – „La Revoltosa“, Goyas Producciones Cinematográficas S. A. (Spanien, 1924); Regie und Drehbuch: Florián Rey; nach der Zarzuela (1897) von Carlos Fernández Shaw und José López Silva (Text) sowie Ruperto Chapí y Lorente (1851–1909) (Musik).

  • 8

    das einen Periodista verprügelt – Offenbar gemeint: das einen Jornalero verprügelt. – Jornalero (span.) Tagelöhner; Gelegenheitsarbeiter. – Periodista (span.) Journalist; Reporter.

  • 9

    Limpiabodas – limpiabotas (span.) Schuhputzer.

  • 10

    im Barrio – barrio (span.) Stadtteil; Stadtviertel; Wohnquartier; Kiez.

  • 11

    das Spiel der „Protagonistas“ – protagonista (span.) Hauptfigur; Hauptdarsteller(in); Held(in); Protagonist(in).

  • 12

    Tapias – Josefina Tápias (1903–1988), katalan. Schauspielerin; ab 1920 Darstellerin in zahlreichen Filmen.

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Faksimile Ausschnitt © 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. Alle Rechte an den Originaltexten © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin. Verwendung der Digitalisate der Tagebücher mit freundlicher Genehmigung der SLUB Dresden.
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