Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details

Klemperer Online

Tagebücher 1918–1959

[ Klemperer Online: Diaries, 1918–1959 ]

View More
More options …

Search

Search publication

Browse

Free Access

Zusam̅enfassung: In Berlin: Vorträge am Montag 10–½ 12, Dienstag 9–½ 11. Montag dann Weg zu de Gruyter von Gamillscheg begleitet. Langes Verhandeln. Kofferkauf Rosenhayn, Aschinger=Essen. Bei Meyerhofs. Mit ihnen Kino, Caféhaus. Dienstag: Verhandlungen mit (Fuchs u) Grabert. 128 Fahrt nach Dresden. Säuberung etc. 750 mit dem tötlichen Bummelzug hierher. Heute bisher strömender Regen, illustrierte Zeitungen. Eva in ziemlich unverändertem Zustand.
Nachträge im Einzelnen.
Mein Goettinger Vortrag am 30 hat meine Situation bestimmt verbessert. Schöffler hörte eine Weile selber zu, u. er muß dann Urteile gehört haben. Diesen Freitag, den letzten Sitzungstag, sprachen von 9–10 Jordan (Lautgesetze), von 10–11 Schürr. Als ich um 11 hinkam, war er nicht fertig. Er verglich Zeitstile in Dichtung u. Kunst, zeigte Bilder. Das soll ihm nicht zusam̅engeschmolzen sein. Er Er soll am Ms. geklebt u. gelangweilt haben. Die Leute wurden ungeduldig, man ging hinaus, klapperte an der Thür, murrte. Es herrschte gereizte Stimmung. Auf dem Corridor sam̅elten sich Leute, die auf mich warteten. Um 12 sollte in einem andern Raum Dibelius reden. Um ¾ 12 endlich kam ich zu Wort. Alles war ungeduldig. Alles in gereizter Spannung. Im vollen Saal saßen alle meine Feinde: Hilka, Jordan, Rohlfs .. Ich trat ganz frei auf. Ich sei wie ein Schnellzug, der mit 50 Minuten Verspätung abfahre. Ich würde mich auf nackten Gedankengang beschränken. Nach den ersten 20 Worten war Ruhe u. alles in meiner

Page:  Gewalt. Um 12 gingen einige zu Dibelius1. Ich machte eine Pause. Hilka als Vorsitzender: wer gehen wolle, möge es jetzt tun, später nicht mehr unterbrechen. Ich: es möchten nur die „Freiwilligen“ bleiben. Niemand stand mehr auf, der Saal blieb dicht gefüllt. Und nun redete ich, wie noch nie in meinem Leben. Wahrhaftig, wie noch nie. Ich hörte mir selber zu. Es strömte. Der ganze mächtige Überblick, wirklich mächtig u. geschlossen. Als ich fertig war – Ratio ardens2 als letztes Wort – eine Sekunde Pause Stille u. dann ganz starker u. wirklich spontaner Beifall. Hilka dankte mir: „Der spontane Beifall beweist Ihnen, wie Ihr Schwung u. Ihre Ausführungen uns alle angeregt haben.“ Ich hatte gesehen, wie Ebeling bei meiner Provenzalen=Theorie den Kopf schüttelte, ich hörte, daß Einzelnes von den „Alten“ bekrittelt wurde – aber ich hörte auch, daß sie alle Respect u. keine Feindseligkeit geäußert hätten. Der Hallenser Mulertt, mit dem ich bis Halle zusam̅en zurückfuhr, u. mancher andere, sagte es mir. Lom̅atzsch wandte sich privat gegen die Gefahr meiner Zuspitzungen, er tadelte meinen offenen Brief an Voßler3, den er Stilbruch nannte – aber Respect fand ich auch bei ihm. Hilka sagte: er sei Katholik, u. meine Worte über Le Cardonnel4 seien ihm lieb gewesen .. Appel soll gesagt haben: wenn schon nicht Hilka in Breslau sein Nachfolger werden konnte, dann wäre immerhin ich besser gewesen als Neubert. (Zu späte Erkenntnis) .. So habe ich doch wohl Boden gewonnen. Und über Schürr u. den sehr simplen Pillet triumphiert. Und über die trockenste Statistik Gelzers – denn etwas anderes hat sein Vortrag über den Neukatholizismus in Frankreich nicht enthalten. Jedenfalls war meine Rede dramatischer Höhepunkt. Ich diktierte hinterher einer Seminar-Assistentin ein Pressereferat.
Eine eigentümliche, beinahe tragikomische Erscheinung war Pillet. Ein Mann Anfang der fünfzig, schwerer Schlag, auch wohl ein bißchen schwermütig. 1911 Ordinarius in Königsberg geworden auf irgendeine Arbeit im Provenzalischen hin als Appelschüler, seitdem für die Wissenschaft ganz verschollen, ganz steril. Dabei 1924 Rector in Kbg. Jetzt mit einem Male scheint ihn die doppelte Sehnsucht gepackt zu haben, zu producieren u. von Königsberg fortzukom̅en. Er hat irgend eine Broschüre über das gegenwärtige Frankreich geschrieben, er trat jetzt mit einem Vortrag über France hervor, ganz bieder, ganz terra terra, nicht durchaus gottverlassen u. bescheiden im Inhalt, wie es bescheiden vorgelesen wurde. Er kam dann zu mir. Ganz bescheiden, fast demütig, wie es mir gefallen habe, mein Urteil sei ihm das wesentliche, u. ob u. wo das zu veröffentlichen sei. Ich versprach ihm Annahme für mein Jahrbuch, falls ich es halten könnte. (Ich werde es halten!) Versprach das teils aus Mitleid, teils aus Rückversicherung. Wenn sie ihn nach Cöln berufen, ginge ich gern nach Kbg. Ich suchte überhaupt einigen

Page:  Frieden mit den Gegnern. Immerhin: Hilka lud zu einem Romanisten-Abend ein; das lehnte ich ab. Neben Jordan u. Rohlfs? Nein. Ich hörte dann: Pillet sei auch nicht dagewesen. Es sei ihm zu entsetzlich vorgekom̅en, die Spannung u. Feindseligkeit zwischen den Parteien. Und freilich war es ekelhaft. Im Restaurant bildeten die feindlichen Gruppen Tische. Lerch u. ich hüben mit Hatzfeld, mit Hartig etc. Drüben Jordan u. Rohlfs, der wie ein Stahlhelmführer aussieht mit etwas gezwungener u. unglaubwürdiger Jugendlichkeit u. blauäugigem Herrenmenschtum. – Eine amüsante Erscheinung ist der Mallarmé-ÜbersetzerNobiling5, der mir ahnungslos schrieb, wer Vieldeutigkeit bei M. finde, produciere damit „denx reinsten Blech“, worauf ich ihm mein Victorieusement fui6 schickte mit der Widmung: „Mein rein mein reinstes Blech!“ Ein Mann in den Fünfzigern, ganz unpathetisch, Urberliner. „Wieso übersetzen Sie gerade Mallarmé?“ – „Weil ich ihn 20 Jahre nicht verstanden habe.“ Er erzählte von Jugendfreundschaft mit Ebeling7. „Ebelings Vater war Schneidermeister, meiner Bäckermeister. Wir ließen bei Ebeling schneidern, Ebelings holten Schrippen bei uns.“ – Mit Ebeling habe ich mich einen Morgen beim Frühstück gut vertragen u. unterhalten. Nur dem LinguistenVoßler ist er völlig feindlich. – Der Anglist Hecht nahm mich in seinem Seminar auf u. war sehr freundschaftlich. Unter den Schulleuten hielt ich mich an Grabert u. den jüngeren, geistiger aussehenden Hartig, Wechsslerschüler ohne Anhänglichkeit an W., Editoren einer Schulzeitschrift8 bei Westermann9. – Mit Franz aus Würzburg, der am Tisch der „andern“ saß habe ich lange und friedlich geredet. Er ist nicht mehr so flackernd wie in seinen Gießener Elendsjahren. Strucks (?)10, Dekan in München, Nichtphilologe11, wollte meine Meinung über den Mallarmé=MannRauhut12 wissen, der eben Habilitandus in München ist. Ich äußerte mich ziemlich ablehnend.

Fußnoten

  • 1

    Dibelius – Wilhelm Dibelius (1876–1931), Anglist; 1903 Professor in Posen, 1911 in Hamburg, 1918 in Bonn, ab 1925 in Berlin.

  • 2

    Ratio ardens – ratio ardens (lat.) brennende Vernunft.

  • 3

    meinen offenen Brief an Voßler – Victor Klemperer, „Positivismus und Idealismus des Literarhistorikers. Offener Brief an Karl Voßler“, in: „Jahrbuch für Philologie“, 1. Folge, München 1925; S. 245–268; auch enthalten in: Victor Klemperer, „Idealistische Literaturgeschichte. Grundsätzliche und anwendende Studien“, Bielefeld und Leipzig 1929, S. 1–29.

  • 4

    Le Cardonnel – Louis Le Cardonnel (1862–1936), frz. Dichter; wurde 1896 Priester.

  • 5

    Nobiling – Franz Julius Nobiling, Übersetzer und Nachdichter.

  • 6

    mein Victorieusement fui – Victor Klemperer, „,Victorieusement fui ...‘. Zur Bewertung Mallarmés“, in: „Germanisch-romanische Monatsschrift“, 15. Jg., 1927, S. 286–302.

  • 7

    er erzählte von Jugendfreundschaft mit Ebeling – Die Eltern von Georg Ebeling und von Franz Julius Nobiling (der Schneidermeister Friedrich Ebeling und der Bäckermeister Richard Nobiling) wohnten unmittelbar benachbart in der Berliner Brüderstraße.

  • 8

    einer Schulzeitschrift – „Schule und Wissenschaft. Ein Wegweiser zu neuzeitlichem Unterricht“, Westermann, Braunschweig, Berlin, Hamburg; 1926–1930.

  • 9

    bei Westermann – Der Georg Westermann Verlag, gegründet 1838 in Braunschweig, gab u. a. pädagogische Literatur heraus.

  • 10

    Strucks (?) – Johannes Stroux (1886–1954), Klassischer Philologe; 1914 Professor in Basel, 1922 in Kiel, 1923 in Jena, 1924 in München, 1935 in Berlin; 1946/47 erster Rektor der Humboldt-Universität Berlin und 1946-1951 erster Präsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin.

  • 11

    Nichtphilologe – Gemeint: Nicht-Neusprachler.

  • 12

    über den Mallarmé=MannRauhut – Franz Rauhut (1898–1988), Romanist; 1937–1967 Professor in Würzburg. – Die erste Publikation von Franz Rauhut galt Stéphane Mallarmé: „Das Romantische und Musikalische in der Lyrik Stéphane Mallarmés“, Elwert, Marburg 1926 („Die Neueren Sprachen“, Beiheft 11).

  • s
Download PDF
Faksimile Ausschnitt © 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. Alle Rechte an den Originaltexten © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin. Verwendung der Digitalisate der Tagebücher mit freundlicher Genehmigung der SLUB Dresden.
Back to top