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Klemperer Online

Tagebücher 1918–1959

[ Klemperer Online: Diaries, 1918–1959 ]

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Sehr schwer erkältet, sehr böse Herzbeschwerden, tief verärgert über die Volkszeitung: sie verlangte Castration der Persohn mit H, worauf ich den Artikel zurückzog. Keine feste Stütze an Gute, der die Blätter in seiner Jacketttasche vergessen hatte, u. der bei der Redaktion nicht fest genug auf völligen Abdruck gedrungen hat. Ich mag mich nicht als kleinen Mann behandeln lassen. Und die Herzbeschwerden predigen bei jedem Schritt: Vanitas! – So ist auch die anfänglich große u. hoffnungsvolle Freude über Berlin ganz abgeklungen, u. am liebsten drückte ich mich ganz. Gute übergab mir eine Einladung zur „Großen Kulturtagung“ des Zentralcomités der KPD in Berlin am 4, 5, 6 Februar. Es fahren außer Gute u. mir noch 4 mir unbekannte Leute; der Wagen holt mich morgen früh vor 6 h ab.
Ich bin diese Tage über nur ganz wenig zum Schreiben gekom̅en. (Artikel „Vorspiel“1, d. i. der Tambour). Den weit ausgedehnten Vorm. unterwegs – Qual der Trambahnen, Nachmittags dann abgekämpft. Umschichtig VH. u. LV, also Melanchthon- u. Bebelstr. Im Schulamt hat die VH jetzt ein zweizimmriges Büreau. Krebs ist sehr hemmend, Genosse Grützner einigermaßen prepotente2, die Hoppe, meine Privatsekretärin, geht mir süß-literarisch auf die Nerven, als eigentliche Bürokraft wenig brauchbar, phrasenhaft eingebildet, dabei gegen mich gutwillig. Einmal hatten wir eine lange Besprechung zu viert, einmal habe ich Werbebriefe diktiert (an Werner Lang: „Sehr verehrter Herr Staatssekretär u. lieber Herr Doctor!“, an Winde, Neumark, Katz) Ungelöst noch die Emblem- u. Stempelfrage; Hanusch enttäuscht.

Page:  Einmal in Vogels jäm̅erlicher Kellerbehausung – ich ließ mir ein Pfund Salz geben. Es geht den Leuten unverdientermaßen sehr schlecht. Am nächsten Freitag will ich in ihrer verfahrenen Sache den neuen Plauenschen Bürgermeister aufsuchen. – Wiederholt bei Seidemanns. Die Leute heffe helfen uns, wo sie können; gestern karrten sie einen Ctr. Kartoffel[n] an.– Ich las Seidemann LTI-Stücke vor u. den unseligen Persohn-Artikel. Auf diesen Artikel hin verkaufte Alfred Seidemann mein Stürmer-Profil an das Ministerium oder über das Ministerium der SVZ3.
Für die LV soll ich endlich einen neuen Dauerausweis erhalten; der alte war ungültig erklärt worden, das Einzelpassieren durch die immer gefüllte Controllstation ist sehr zeitraubend. Photos waren nötig. Auf Anordnung der LV kam ich bei Photo-Görner in der Kreischaer Str. gleich an die Reihe u. erhielt gute Aufnahmen, die ich auch für einen neuen Führerschein benutzen kann. (So alt geworden. Alles predigt mir mein Alter et finem.[)]
Durch den Kulturbund kam Einladung zur „Dresdener Uraufführung „ des sowjetischen Films „Lustige Burschen“4 in deutscher Fassung, „Sojusintorg-Kino“5, im Faunpalast. Am 1. 2. Nachmittags. Mühseligste Hinfahrt – dort sprach Menke-Gl. bei Einweihung des KB.s – große Enttäuschung. Ein verregneter vollkom̅en blödsinniger überamerikanischer Schwankfilm vom Jahr 33, in russischer Sprache mit wenigen darunter geklebten deutschen Wortstreifen. Ein Bad am Schwarzen Meer, der musikalische Hirte Kostja wird mit berühmtem Musiker verwechselt. Liebesaffaire mit der Mondänen Herrin, Hirt u. getreue Magd Anjuta kriegen sich. Witzig im ersten Teil die dressierte Tiergruppe: die Herde dringt in den Tanzsaal, in der ihr Hirt flötet, sie macht sich über eine Esstafel her. Später geht selbst der Schwanksinn verloren: Kostja u. Anjuta brillieren in einer erfolgreichen Jazzband. Amerikanische Bewegungs- u. Prügelscherze, bolschewistisch übertrieben, wenn die Truppe einen Leichenwagen benutzt. – Hübsch sind ausgesponnene russische Lieder zwischen den Amerikanismen. Hier die kulturelle, ev. LTI=Bedeutung. Man müßte irgendwie dazuziehen eine katholische Predigt, die ich heute Morgen hörte: der Geistliche sprach von „Windstärke 10“, SOS u. Kardanischer Aufhängung. Wir haben bisher kein Kinoglück gehabt – wo ich doch so oft das Kino ersehnte6! Dafür ist jetzt das Radio unsere große Passion.
Wir hörten schon vor längerer Zeit im Radio ganz gute Verssatiren auf das 3. Reich, eine ganze historische Folge, etwa im Stil Kästners. Jetzt wurde vor einer Wiederholung als Autor genannt Horst Lommer7.(vel Lom̅a?) Schauspieler, in Deutschland geblieben. Als es mulmig wurde, lernte er seine etlichen tausend Verse auswendig u. verbrannte das Ms.! –
Politisch beherrscht auf der Sowjetseite alles der Gedanke der deutschen Einheit, der Antifa-Blockeinheit u. der SPD-KPD=Union. Sehr interessant sprach in Berlin Jakob Kaiser8 als CDU-Führer von der durch Berlin verkörperten Synthese von Ost u. West. Es sieht mir aber nicht so aus, als sollte irgendetwas von diesen drei Einigkeiten Dauer haben bzw. zustande kom̅en. Via Hoppe bekam ich Zeitung aus der amerikanischen Zone zu Gesicht. Dort will die SPD z. T. sich entmarxen,

Page:  zum sehr großen Teil nichts von der KPD wissen. Und der bay Königspartei lege ich größte Bedeutung bei. Und die CDU mag im Westen als Centrumspartei gut sein – hier ist sie Cloaca maxima, refugium nazisticum u. geht eines Tages hoch.
– Die Wandlung in mir! Als mir Wollschläger vor einiger Zeit sagte, er wünschte, wir hier würden Sowjet-Bundesstaat, war ich erschüttert. Jetzt wünsche ich’s selber. Ich glaube nicht mehr an die einige deutsche Patria. Ich glaube, wir könnten sehr wohl deutsche Kultur pflegen als sowjetischer Staat unter russischer Führung.

Berlin-Fahrt zur KPD=Tagung 4–6/II 46 (notiert 7–10 II)


Die fünf Schicksale im Wagen: Der Fahrer sehr jung, sehr umsichtig, behutsam in jeder Beziehung (dabei immerfort rauchend[)]; durch Kopfschuß (deutliches Schläfenloch) als Flieger in Sizilien abgeschossen. Neben ihm Gute, Anfang 40. Ursprünglich Graphiker, im Wesentlichen wohl Autodidakt. Sehr gebildet, sehr energisch. Dreimal mit Intervallen „geholt“ u. wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ Zuchthausstrafen erhalten u. abgesessen. Jetzt Ministerialdirector, faktisch nach einer eben erfolgten Neuordnung in vielen Punkten mächtiger als Menke-Glückert, da viele Entschließungen via Fischer (2. Praesident, KPD)9[,] Gute an M-Gl. vorbeigehen (der aber immerhin die sächs. Hochschulen noch in Händen hält). Im hinteren Wagen, gequetscht: Klemperer, Grundig, Laux10, Gr. als Überzähliger in die Mitte gekeilt. Mein Schicksal bekannt. Grundig11: Maler, 45 Jahre, eisgrau. Alter KPDer, Gefängnis, Kz. Seine Frau, Lea Langner-Grundig12, ebenfalls malend, Jüdin. Darf emigrieren, nachdem schon in Gefängnis, wenn sie sich scheiden lassen. Tun es, sie nach Tel-a-Vif13. Er liest in einem deutschen Nachrichtenblatt, das im Juli in London erschienen, daß Lea Grundig mit einer Ausstellung Erfolg hatte. Er erwartet sie, u. die Ehe wird weiter gültig sein – Scheidung erpreßt! – aber noch kann sie nicht wissen, daß er lebt. Er war im KZ. Ende 44 macht man aus KZlern ein Bataillon, das in wenigen Wochen militärisch ausgebildet u. degradierten Wehrmachtsoffizieren unterstellt wird. Es soll gegen Partisanen eingesetzt werden, knüpft durch Vermittlung der Dorfbewohner – „sie spüren das sofort!“ – mit den Banden an, wird aber plötzlich an die russische Front bei Budapest geworfen u. läuft sofort mit allen Waffen über. („Ein paar Offiziere haben sich verdrückt“) Grundig kom̅t nach Moskau, in ein Klubhaus – Freiheit, bestes Essen, beste Eindrücke, darf malen. Jetzt zum Rektor der Akademie14 bestimmt. (Rector der Hochschule für Werkkunst, zu der Winde gehört, ist Grohmann geworden, nach ausgespielter ministerieller Rolle.) Am Simpelsten ist Laux’ Schicksal. 50 Jahre etwa. Musikjournalist in Darmstadt, fällt dort als antinazistisch auf, weil allzumodern, Hindemith-Anhänger, kom̅t nach Dresden, an die Dresdener NN.15, behauptet sich hier all die Jahre hindurch an der Ztg., ohne Pg zu werden. Am 13. II mit seiner FrauFrau16 so schwer verbrannt, daß beide bis zum Juni im Krankenhaus lagen. Jetzt Referent für Musik u. Theater unter Gute, ähnlich wie Kretzschmar.
Im langen u. engen Zusam̅ensein habe ich mich mit diesen Leuten angefreundet; das com̅unistische Du – das ich Laux versehentlich gab, denn er ist noch nicht in der Partei, weil er den Vorwurf des Opportunismus fürchtet – tat manches dazu. Gute u. Grundig hatten freundschaftliche Beziehungen zu Gusti Wieghardt, fein feindliche zur Gestapo (Clemens, Weser, Köhler etc.). Welch ein Ineinander der Curricula17, wie seltsam ist Gusti jetzt rehabilitiert!

Page:  Ihr com̅unistisches etwas primitives Kinderbuch Sally Bleistift18, durch Gute nach Moskau vermittelt, soll dort in vielen Sprachen einen Riesenerfolg gehabt haben .. Wird Gusti triumphieren u. beglückt sein, oder wird sie mich verachten, wenn sie von meiner jetzigen Position hört? Ich sagte sofort, wir hätten damals viel politischen Zwist gehabt, ich hätte mich erst viel später bekehrt. Mir fiel die Episode Karl Wieghardt19 ein: „Du darfst mich nicht in Deinem Tagebuch nennen!“ – Er sei immer feige gewesen, meinte Gute. – Grundig erzählte von Villon-Zeichnungen, die er gemacht. Ich schlug eine illustrierte Parallelausgabe vor, zu der ich das Vorwort schriebe. Ich soll Einzelvorträge an seiner Akademie haben ... Mit ihm u. Laux ist Verkehr v. H. z. H. verabredet. Laux für E. äußerst wichtig. Wie seltsam, daß wir jetzt – eine ganz neue Lebensphase! – Connex mit Kunst u. Musik haben ... Seidemanns, denen ich berichtete, lachten: Grundigs, beide, seien „Elendmaler“ u. keine besonderen aquile20, ihre Ehe sei soso gewesen, da sie zu Nebentouren geneigt. Sie lachten auch über die Carrière aller früheren Kz-Genossen. – –
Am Mo. 4. II war der Fahrer Mühlberg schon bald nach ½ 6 hier, ich rasierte mich eben. Eilig fertig gemacht, Kreuz- u. Querfahrt durch die dunkle Stadt mit ihrem Schutt u. ihrer Unkenntlichkeit. Gute wohnt in Laubegast, Laux bei der Karcher Allee (Basteiplatz), Grundig in Neugruna. Ich kannte mich nicht aus, alles war gespenstisch. Der Fahrer drängte aus der Einsamkeit heraus: Angst vor Überfällen. Als es däm̅erte, hielten wir vor der Kreisleitung am Albertplatz. Von den Leuten, die dort zustiegen, kannte ich Sigrid Schwarz u. Glöckner. Glöckner ist der absolute Proletarier, der mich vor Monaten unten in Plauen abstieß, u. der jetzt in der Agitprop21.(!)-Abteilung der Kreisleitung sitzt. Von den Intelligenzfragen versteht er bestimmt nichts .. Eine Kolonne von 4 Wagen kam zusam̅en, im ganzen also wohl 16 Teilnehmer ohne die Fahrer darunter auch ein paar Auswärtige. (Dazu stießen in Berlin einige mit der Bahn gekom̅ene Chemnitzer.[)] Die Fahrt ging über die Autobahn. „Zu vieren kann man es wagen, sonst nicht, es kom̅en zu viele Überfälle mit Erschießungen vor.“ Die Autostraße an sich reizlos u. halbwegs in Ordnung. Nur gelegentlich aufgerissene Stellen oder eingestürzte Überführungen. Gelegentlich auch noch zerstörte Wagen, friedliche u. militärische, am Rand. Ganz wie wir das in Bayern gesehen haben. Die Landschaft kahlste Gegend, nirgends ein Ort berührt. Ich weiß nicht, wie die Strecke verläuft. Ein paarmal hatte ein Wagen hinter uns Radschaden, dann mußten wir zurück, zur Hilfeleistung. Bei solcher Gelegenheit ungenierte „Pinkelpause“. Erst in der nächsten Umgebung Berlins ein wenig Abwechslung u. Ortschaft. Bei Grünau ein Stück Landstraße in Schlammsee verwandelt; mühseliges Durchplantschen der Wagen. Keine übermäßigen Zerstörungen fielen mir an diesem Tage auf. Auch nicht als wir über Alexanderplatz, Museumsterrain, am Nationaldenkmal vorbei zum Haus der KPD in der Wallstr. kamen. Gewiß: Zerstörungen. Etwa das Bild Münchens. Aber doch nicht mit Dresden zu vergleichen. Das habe ich auch am Mittwoch aufrecht gehalten, nachdem wir viel Innenstadt gesehen. Gute u. Grundig widersprachen: es sei düsterer als Dresden. Geschmackssache: Berlin lebt, Dresden ist tot. – Im Haus [des] Zentralcomités [der] KPD in Pankow

Page:  bekam jeder einen Quartierzettel u. ein großes Eßpacket (zwei große Portionen Brod, etwas Butter, Wurst, Käse u. 20 Cigaretten, die ich E mitbrachte), dazu zwei Mittagsmarken. Dann fuhren wir gleich in das Conferenzlokal: Aula der Listschule in Niederschönhausen. Ein sehr großer Saal, auf Stühlen u. Bänken saßen gewiß an 300 Leute. Vor ihnen, von Schmalseite zu Schmalseite auf einem Podium, an zwei langen Tischen hintereinander, rotbedeckten Tischen!, saß das Praesidium, in der Mitte die massige Gestalt Wilhelm Piecks. Es war gegen ½ 12, man war mitten im Reden – man war schon am 2. Tage, die Tagung hatte mit dem unvermeidlichen Nathan u. einem Vortrag Piecks schon tags zuvor begonnen, jetzt aber war der eigentliche Arbeitstag. Ich hatte meine Leute verloren u. setzte mich ganz hinten im Saal. Da sagte Pieck: [„]wir begrüßen unsere eben eingetroffenen auswärtigen Gäste aus Mecklenburg, Thüringen u. Sachsen. Wir bitten bei uns im Praesidium Platz zu nehmen für Thüringen den Herrn Präsidenten ... für Mecklenburg .. für Sachsen[“] – Gute war wohl schon als Regierungsmann oben: [„]Profe Genossen Klemperer, Professor der romanischen Kulturen (sic), Dr Laux ...“ Ich sagte zu meinem Nebenmann: „Was sollen die Aufgerufenen tun? ich bin nämlich einer von ihnen.“ – „Sie müssen da hinaufgehen.“ Ich ging also. Auf den Stufen begegnete mir Pieck. Gar nicht größer als ich – aber wie eine Mauer, nicht fett, aber durchweg massig, hindenburgisch. Ich versank in seiner Flosse. Am nächsten Tag habe ich noch ein paar Worte mit ihm gewechselt. Ein mächtiger bedeutender Kopf, volles zurückgebürstetes graues Haar. Man gibt ihm höchstens 60 Jahre, keineswegs 70. Ich saß nun bis etwa 5 h. auf meinem Ehrenplatz in der zweiten Reihe, schwerst erkältet, mit platzendem Kopf, vielen Schmerzen u. elend. Die 3 Reden von Anton Ackermann22„Unsere kulturpolitische Sendung“, Dr Josef Naas23 (Zentralverwaltung für Volksbildung) „die demokratische Erneuerung des deutschen Schul- u. Bildungswesens“ Walther Barthel24 (Magistrat Berlin) „Volkshochschulen“ rauschten ziemlich dösig an mir vorüber: nach Wort u. Inhalt im Grunde dasselbe, was man nun schon zur Genüge gehört hat. Die KPD. will eben tolerant sein, u. sie will die Partei der Intelligenz sein, d. h. Connex mit der Intelligenz haben, u. sie ist national u. antiseparatistisch. Neu war mir, u. da hakte ich am nächsten Tage [ein], daß man mit den Univ-Professoren glimpflich umgehen u. „die alte Intelligenz“ schonen will. (Naas). Interessant war für mich das Nebenbei u. Zwischendurch. Das kam aber erst am nächsten Tage zur vollen Entwicklung. Als am Montag das Redeprogram̅ erschöpft war, bekamen die Auswärtigen in einem kleinen Saal hinter dem Podium ihr Mittagbrod. Halb militärisch u. ganz gut: eine volle Schüssel Nudel- u. Eiersternchen mit Fleischbröckchen dazwischen. Wir, Laux u. ich, fuhren dann mit der Straßenbahn in unser nicht sehr entferntes Quartier. Auf 8 h war noch eine Verabredung angesetzt: Volkshaus Pankow, eben das Haus, in dem wir unsere Quartierzettel erhalten hatten, ziemlich nah dem Pankower Quartier.
Ich kam sehr gut unter: Pankow Kissingenstr. 1, Gh.25 bei Neubert. Ein älterer Elektromeister, Radioreparateur u. seine agilere zweite Frau. Großes gut geheiztes Zimmer, Werkstatt u. Aufenthalt in einem, zur Nacht legte das ménage Matratzen auf den Boden. Dann ein zweites reich u. combiniert möbliertes Zimmer, Spiegel, Spiegelschrank, Bett, Schreibtisch, runder Tisch – ungeheizt, aber mit herrlichen Bettdecken – da habe ich sehr schön geschlafen.

Page:  Und in der Werkstatt-Wohnstube bin ich Morgens u. Abends herrlich verpflegt worden – echten Tee, Suppe, Brause, Heißgetränk, amerikanisches Weißbrod, Fettigkeiten auf meine Brodration – und wir haben geplaudert. Bis zum letzten Morgen schien mir alles reinste Herzlichkeit zu sein, u. zu 90 % war es das wohl auch gemischt mit Respe Respekt; denn einerseits kam ich dort sehr erschöpft an u. sah wohl sehr alt u. gebrochen aus – die Erkältung tobte u. die Herzschmerzen waren auf dem Weg vom Volkshaus zu Neuberts groß – u. andrerseits merkten sie wohl, daß sie ein ziemlich großes Tier vor sich hatten. Die Frau klein u. dicklich, in erster Ehe mit Juden verheiratet, Mischlingssohn †, längst KPDerin; der Mann ganz zuletzt ganz kleiner Pg, so kleiner, daß man ihn gar nicht chicaniert u. ihn sehr bald in die Partei aufnehmen will. Aber am Mittwoch Morgen druckste er doch heraus, es sei ja nicht nötig, aber es wäre doch vielleicht gut, ob ich nicht irgendwie ihm schriftlich sagen könnte, wie freundlich ich aufgenom̅en worden sei. Und als ich einen Dankbrief aus Dresden zusagte, den ich dann auch geschrieben habe, bekam ich gleich noch zwei Weißbrodschnitten auf den Weg u. noch eine Cigarette, u. der Mann begleitete mich selbst bis auf die Straße wo das Auto wartete. Ein ganz leiser Mißklang war mir dies doch doch. An die reine Menschlichkeit ist nur noch schwer zu glauben. Aber bin ich besser? – – Am Mo. Abend brachte mich Frau Neubert selber ins Volkshaus. Dort war nicht geheizt, es gab nichts zu trinken, auch waren nur die wenigsten erschienen. (Gute fehlte.) Ich plauderte ein paar Minuten mit Sigrid Schwarz u. war bald wieder zurück, wo man mich wie gesagt pflegte. (Es tat auch not.) Eine Hausgenossin war anwesend, die hat mir am nächsten Tag festgestellt, daß Änny Klemperer26 noch am alten Ort wohnt. Ich fand aber nicht die Zeit sie aufzusuchen. – Dienstag 5. II war Tag der „freien Aussprache“. Man meldete sich zu Wort u. bekam 15 Minuten Zeit. Es wurde kreuz u. quer über dies u. das geredet. Viele hatten sich ganze Reden ausgearbeitet, clichierte, machten übliche Phrasen, kamen mit ihrer Zeit nicht aus. Dann forderte Pieck sehr ruhig aber immer durchdringend u. erfolgreich Schluß. Ich folgte selten ganz. Die Schwarz sprach sachlich aber doch sehr allgemein über Volksschule, Laux über ernsthafte Musikerziehung der Lehrer, auch der Studienräte. Das interessanteste war das geistliche Thema. Zwei Pfarrer griffen die Haltung der evang. Landeskirche an, die kein Wort gegen die Hitlerei gefunden habe. Ein ganz junger knabenhafter Mensch, höchstens 21 Jahre, wahrscheinlich 19, Vorsitzender einer Jugendgruppe, verteidigte leidenschaftlich die evangelische Kirche, wies auf Niemöller (?)27 u. andere hin – ohne dadurch die offizielle Kirche zu entlasten – sprach gut u. eindringlich, bis Pieck abklopfte. „Lassen Sie mich noch einen Punkt ..“ Pieck väterlich: „Nein du sprichst schon 20 Minuten, die andern haben bloß 15 gehabt.“ Der Junge treuherzig: „Dann nur einen Schlußsatz!“ Pieck nickte Gewährung, der Junge sprach wirklich in bester Haltung nur noch einen Satz u. fand starken Beifall. Gute fasste später ganz offenbar die allgemeine Stimmung zusam̅en: Er hat zwar Unrecht gehabt, aber er war gut. In der Frage Schule – Religion fasste sich die KPD sehr tolerant u. gerecht. Einer formulierte: wir wollen in der Schule jeden Religionsunterricht unterlassen, auch den in unserem Atheismus. Aber jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ihre Kinder innerhalb ihrer Gemeinde zu unterrichten – wie in England .. Um reichlich 15 h, nach etwa 30 vielleicht 20 Rednern kam es zum Schlußwort, ich glaube von

Page:  Ackermann: Heranziehung der Intelligenz, Einheit der Arbeiterparteien, einige deutsche Nation (!), kein Separatismus. – – Unter den ersten Rednern des Dienstags war ich. Ich sagte über Hochschulprofessoren, Selbstverwaltung u. Volkshochschule ungefähr das, was in meinem nicht gedruckten „Persohn mit H“-Artikel steht. Beifall. Später opponierte mir ein Redner, ich wollte „eine rote Universität“, man müsse im Gegenteil die „alte Intelligenz“ schonen, man müsse die Frage „nicht moralisch sondern politisch“ auffassen. – Eine längere Weile danach kam dieser Redner an mich heran, u. es gab eine kurze Aussprache u. sehr freundliche Berührung. Es war ein noch junger Mann, der Praesident der Zentralverwaltung für Wissenschaft in der Sowjetzone, Herr Wandel28. Seinen Personalchef, einen Professor Rompel29 (oder so ähnlich) hatte ich schon früher kennen gelernt. Und damit bin ich nun bei dem für mich wichtigsten Teil dieser Berliner Tage. Ich bin mit mehreren wichtigen Leuten in Berührung gekom̅en, u. es ist vieles angebahnt worden, wovon vielleicht ein Bruchteil in Erfüllung geht. Vor allem betonte ich immer wieder, daß ich ein Univ.-Katheder haben möchte.
Ergebnisse: Wandel u. der Personalmann (Rompel?) wollen mich nach Halle bringen. (Mit Wohnung in Dresden u. Wagen)
In Berlin soll ich irgendwie vor der Studentenschaft reden. Vielleicht in einer Serie der KPD, vielleicht in einer Gastvorlesung.
Ein Berliner Verlag – ich weiß nicht ob Sparte des Aufbauverlags oder selbständig, will für größeres Publikum, Hochschule u. Volkshochschule Compendien in der Art von Natur u. Geisteswelt30 „von den ersten Leuten jedes Faches“ herausbringen. Ob ich über Frankreich ... Ich: „wenn Sie mir u. meiner Frau als meiner Sekretärin 8 Wochen Genf ermöglichen.“ Der verhandelnde Studienrat: das werde sich machen lassen, ich würde Weiteres hören. –
Willmann, Generalsekretär des KB. holte uns den Redactor des Aufbaus31 heran, der ihm unterstellt scheint. Im Aufbau soll ich mein Referat veröffentlichen, weiter schlug ich vor: Vergleich StalingradFeu32. Bewilligt, ich erhielt gleich ein Rec. Ex. von Stalingrad.
Ich füge hinzu die zwischen Grundig u. mir schwebenden Pläne: Vorträge an der Akademie u. Villon-Herausgabe. –
Was wird von alledem werden. Halle? Aber wenn sie dort sagen, ich sei „Journalist“? Genf?? Ich fürchte mein Herz, ich bin in allem skeptisch. Aber im Augenblick wärmt das doch.
Am Di. 6. II war die Tagung gegen 16 h zuende. Wieder wurden wir Auswärtigen beköstigt, diesmal mit recht dünner Suppe. Gegen 17 h. schloß ich mich Laux, Grundig u. einem riesigen, am Krückstock gehenden, allzu ehrerbietig um meine senilitas besorgten Bildhauer Langner (?)33 an, u. wir gingen in ein nahes Kino. „Sie trafen sich in Moskau“34, russischer Film mit synchronisiertem Text. Die Handlung ganz kindlich, aber glänzend durchgeführt als Propagandafilm u. großartig gespielt. Dazu kulturgeschichtlich interessant. Landwirtschaftliche Ausstellung in Moskau, aus allen Kolchosen Leute hingeschickt. Das Bauernmädchen aus der Ukraine u. der Hirt aus dem Kaukasus lernen sich kennen u. lieben. Verlöbnis. Seine Liebesbriefe (dem Sänger Dorfsänger diktiert). Fremde Sprache! Der dum̅böse Mitbewerber läßt sie falsch übersetzen. („Meine junge Gattin grüßt Dich.“) Kum̅er, Hochzeit mit tröstendem Bösewicht angesetzt. Der Kaukasier erscheint im letzten Augenblick, happy end .. In diese Kindlichkeit gefügt: primo loco Landwirtschaft. Die Ehrung

Page:  Ehrung erfolgreicher Bauern in Moskau. (Ihr Bild auf der Ausstellung!) Vorträge der Ausstellungsbesucher im Kolchos. Der dumme Bösewicht, das kluge Mädchen. Sie plädiert für warme Schweineställe gegen die Conservativen. Sie hat Erfolg, ihre Sau wirft 19 Ferkel. Belebung der Nicht-Athmenden, die reine Säuglingsgymnastik, das originellste u. realistischste Bild: Eintauchen in Wasser, Schwenken, an den Beinen Hin- u. Herbewegen .. Zweitens: Lernt Sprachen! Drittens: Wir vielfältige u. einheitliche Nation! – Zu dieser Propagandasache treten sehr hübsche Volksscenen, sehr hübsche Musikalien. Insbesondere der Dorfpoet u. Sänger u. Briefschreiber im Kaukasus, ein prachtvoller Baß. Und Reiterscenen u. Gebirge u. Kampf mit Wölfen. Aber das eigentlich Interessante ist doch die Schweinezucht-Propaganda. Womit zu vergleichen, wie jetzt bei uns im Radio das Neubauerntum35 (LQI!) u. die Landwirtschaft dominiert. –
Nach dem Kino am Di. früh zu Haus. Am nächsten Morgen früh von Gutes Wagen abgeholt. Zu einer Conferenz mit Willmann (KB). Dieser Conferenz (u. einer anschließenden Geschäftsfahrt Gutes) danke ich Einblick in Berlin. Viel oder wenig gesehen? Beides. Wir kamen weit herum, aber das Dach des Autos war hinderlich, ich bekam nur flüchtige u. teilweise Bilder. Immerhin, ein Bild ergab sich. Die Linden 2 x, Alexander- u. Belleallianceplatz36, ein großes Stück Kurfürstendamm (aber nicht Gedächtniskirche u. Nollendorfplatz), Bahnhof Halensee (dort eine Reparaturwerkstätte) Wilhelmstr. Sicherlich sehen die „Lindchen“37 u. die Wilhelmstr. u. die großen Plätze sehr böse aus, sicherlich sind ganze Straßenfronten teils ausgebrannt, teils eingestürzt – aber im Ganzen ist es doch so, wie ich sagte: mehr München als Dresden, keine totale Zerstörung. Dresden ist aufgeräumter u. insofern heller – wie ein gut gehaltener Friedhof; in Berlin viel Schutt in bewohnten u. befahrenen Straßen, düsteres Leben, aber doch Leben. Die Zerteilung in Sektoren der Mächte soll sich hemmend auswirken. (N. B. Laux erfuhr auf der Redaktion der Tägl. Rundschau, daß mein Appell=Artikel an Frankreich38 aus politischen Gründen ungedruckt geblieben ist. Man mag offenbar russischerseits nicht um französische Lektüre bitten!) – Das Bureau des KB., zugleich Aufbauverlag u. wohl noch einige Etc’s, Charlottenburg, Schlüterstr, wohlerhaltenes Haus. Willmann wird uns hier einen sudetendeutschen Hauptsekretär39 schicken, der alle Verwaltungsarbeit erledigen, das Chaos lichten u. Bewegung in die Verfahrenheit bringen soll. Ich gebe dem Aufbau meine Wörter von der Kulturtagung u. den Artikel FeuStalingrad .. In diesen Tagen nimmt der KB Verbindung mit dem Ausland, vorerst mit London, auf. Das könnte mir zu Gen Genf verhelfen. –
Wir fuhren dann in eine Werkstatt am Bhf Halensee; ein Reifen wurde vulkanisiert. (British Sector) Dann zum Mittagbrod im Haus des KPD-Zentralcomités in der Wallstr. Großer Bureau[-] u. Restaurantbetrieb, man ist eine Nummer, es geht bureaukratisch zu. Danach hatte Gute noch in der Wilhelmstr zu tun. Wir Wartenden stiegen einen Augenblick aus. Das zerstörte Gebäude, bei dem wir hielten, war das Hotel Adlon, ein großes Schild zeigte „5 Uhr=Tee“ an. Das Gebäude war völlig ausgebrannte Ruine. Durch einen Hof u. ein weiteres Gebäudestück hindurch ein erhaltener Block sichtbar. (Haupteingang wohl von den Linden aus. Grundig erzählte, es seien einige Räume, halb beschädigt, in Gang; Kellnerschar u. einiges Geschirr gäben gespenstische Erinnerung an die große Adlonzeit). Dem Adlonhaus in der Wilhelmstr gegenüber

Page:  ein vielverbrettertes Gebäude: die Zentralverwaltung für Wissenschaft40. In der Wilhelmstr erkannte ich das erhaltene Palais hinter dem großen Hof, in dem ich 1924 bei Ebert war. Den allerstärksten Eindruck der Zerstörung hat mir eigentlich die abgeholzte Öde vor dem Brandenburger Tor gemacht, wo zwischen Baumstümpfen u. einzelnen Bäumen Monumentreste stehen, u. eine Triumphtribüne an die Siegesparade der Alliierten erinnert. Diese Parade hatte ich Tags zuvor als „Luce“41 vor dem Moskaufilm gesehen. Secundo loco im Punkt der Vernichtung der kahle Belle-Allianceplatz. Merkwürdig fremd berührte mich die verpflanzte Siegessäule42 auf der Charlottenburger Chaussée. (Daß man sie mit ihren Kanonenrohren des 70er Krieges, sie u. die beschädigte Quadriga des Brandenburger Thores stehen ließ!)
Wir fuhren erst gegen 16 h. aus Berlin heraus. Als alleiniger Wagen wagten wir uns nicht über die Autobahn. Der Fahrer hoffte, die Waldstrecken der Linie Elsterwerda vor Dunkelheit bewältigen zu können. (Sizilien vor 100 Jahren!) Wir kamen aber in volle Dunkelheit. Es gab Reifenpanne. Auch der Ersatzreifen war schwach. Material fehlt. In Jüterbog wieder in einer Vulkanisier-Anstalt. Ich erkannte unser schönes Café43 wieder. Im übrigen versank die Fahrt in Plaudern, Dunkelheit u. Müdigkeit. Zuletzt sind wir wohl von der mir bekannten Linie abgewichen. Es ging über Großenhain, X Moritzburg. Ich sah nichts. In Dresden an all die Stellen der Anfahrt, diesmal zum Absetzen der Gäste. Zuletzt war ich mit dem Fahrer allein im Wagen. Gegen 21 h. hier.
– Nachträge. Am Di. war das Charakteristischste der Sitzung die Arbeit der Filmoperateure. Sie brachten in einer Pause mehrere Jupiterlampen an u. liefen nachher mit ihrem surrenden Aufnahme-Apparat überall u. unermüdlich herum. Ich mußte mir immerfort die Augen schützen.
Auf der Hinfahrt mußten wir mehr mehrmals ein Stück zurück: Hilfeleistung für einen andern Colonnenwagen.
LQI: Kämpferische Demokratie ist das dritte Wort. – Aufbruch u. Erlebnis sind noch vorhanden. KPD lehnt VERMASSUNG ab.
Für die Schauspieler sprach Eduard v. Winterstein44. Nicht sonderlich alt, Monokel im weltmännisch aristokratischen Gesicht.
Ein Genosse tobte gegen „die Teufelsküche München“.
Einer bekämpfte die Märchen vom „guten König“, von „der guten Prinzessin“
LQI. Hauptredner Ackermann wiederholt: Wir Marxisten-Leninisten.
10/Februar 46

Fußnoten

  • 1

    Artikel „Vorspiel“ – Das späteres Kapitel II von „LTI“.

  • 2

    prepotente – (ital.) anmaßend, rechthaberisch, selbstherrlich, überheblich.

  • 3

    SVZ – „Sächsische Volkszeitung“, Tageszeitung der KPD in Sachsen, erschien Oktober 1945–April 1946 in Dresden.

  • 4

    „Lustige Burschen“ – „Lustige Burschen“, dt. Verleihtitel von „Wesjolye rebjata“, Moskinokombinat (UdSSR, 1934); Regie: Grigori Aleksandrow; Drehbuch: Grigori Aleksandrow, Nikolai Erdman, Wladimir Mass; Musik: Isaak Dunajewski; die Produktion gilt als erstes sowjetisches Film-Musical.

  • 5

    „Sojusintorg-Kino“ – Sojusintorg, sowjetischer Filmvertrieb.

  • 6

    wo ich doch so oft das Kino ersehnte – Juden war ab Ende Oktober 1938 der Besuch von kulturellen Einrichtungen wie Theatern und Kinos verboten.

  • 7

    Horst Lommer – S. vierte Anm. zum Eintrag vom 10. 9. 1945.

  • 8

    Jakob Kaiser – (1888–1961), 1924–1933 Mitglied des Reichsvorstandes der christlichen Gewerkschaften, arbeitete bis 1945 im antifaschistischen Widerstand; 1945 Mitbegründer der Einheitsgewerkschaft und der CDU in Berlin, Ende 1945 deren Vorsitzender für Berlin und die Sowjetische Zone; entgegen Adenauers Politik der Westintegration verfocht er eine Konzeption von Deutschland als Brücke zwischen Ost und West; Dezember 1947 von der SMAD seiner Funktion enthoben, ging nach Westdeutschland; 1949–1957 MdB, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Stellvertretender Vorsitzender der CDU.

  • 9

    Fischer (2. Praesident, KPD) – Kurt Fischer wurde bei der Bildung der Landesverwaltung. Sachsen Stellvertreter des Präsidenten Rudolf Friedrichs (SPD).

  • 10

    Laux – Karl Laux (1896–1976), Musikwissenschaftler; seit 1922 Dozent (1936–1948 am Dresdener Konservatorium) und Musikkritiker (1934–1945 an den „Dresdener Neuesten Nachrichten“); 1945–1948 Referent für Musik und Theater der Landesverwaltung bzw. -regierung Sachsen; Mitbegründer des KB in Sachsen; 1948–1951 Musikkritiker der „Täglichen Rundschau“, ab 1951 Chefredakteur von „Musik und Gesellschaft“ sowie Professor (zeitweilig Direktor) an der Akademie für Musik und Theater in Dresden, unter seiner Leitung Ausbau zur Hochschule für Musik, 1957–1963 deren Rektor. – In seinem musikwissenschaftlichen Werk „Anton Bruckner – Leben und Werk“, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1940, zeichnete Karl Laux ein Bruckner-Bild, das der nationalsozialistischen Bruckner-Auffassung sehr nahe kam.

  • 11

    Grundig – Hans Grundig (1901–1958), Maler und Graphiker; 1926 KPD, 1930 Mitbegründer der Asso in Dresden, 1934 Berufsverbot; 1940–1944 KZ Sachsenhausen; ab 1946 Professor an der Akademie für bildende Künste Dresden, 1946–1948 deren Rektor.

  • 12

    Lea Langner-Grundig – Lea Grundig, geb. Langner (1906–1977), Malerin und Graphikerin; seit 1928 mit Hans Grundig verheiratet, 1926 KPD, 1930 Mitglied der Asso; 1936 und 1938/39 in Haft, 1940 Emigration nach Palästina, 1949 Rückkehr nach Deutschland; 1950 Professorin an der Hochschule für bildende Künste Dresden, 1964–1970 Präsidentin des Verbandes bildender Künstler der DDR.

  • 13

    Tel-a-Vif – Gemeint: Tel Aviv, Hauptstadt des 1948 gegründeten Staates Israel.

  • 14

    der Akademie – Bezieht sich auf die Akademie der Bildenden Künste (Kunstakademie) in Dresden, am 17. 4. 1947 als „Hochschule für Bildende Künste“ unter ihrem ersten Rektor Hans Grundig wiedereröffnet.

  • 15

    an die Dresdener NN. – „Dresdener Neueste Nachrichten“, Tageszeitung (1893–1943).

  • 16

    seiner Frau Frau – Maria Laux (1895–1974).

  • 17

    der Curricula – der Lebensläufe; von: curriculum vitae (lat.) Lebensgang, Lebenslauf.

  • 18

    Sally Bleistift – Das Kinderbuch „Sally Bleistift in Amerika. Eine Geschichte aus dem Jahre 1934“ von Auguste Lazar erschien 1935 (in deutscher Sprache) in der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau, Leningrad; die Autorin, damals noch in Deutschland lebend, benutzte das Pseudonym Mary Macmillan.

  • 19

    Karl Wieghardt – Karl E. G. Wieghardt (1913–1996), Physiker, Stiefsohn von Auguste Wieghardt-Lazar; ab 1938 Mitarbeiter am Institut für Strömungsforschung Göttingen; ab 1949 am Admiralty Research Laboratory London, 1955–1982 Professor für Strömungslehre an der Universität Hamburg – Vgl. TB II (Eintrag vom 15. 5. 1941).

  • 20

    keine besonderen aquile – aquile, Mehrzahl von: aquila (ital.) Adler; hier im Sinne von: jemand mit Höhenflug.

  • 21

    Agitprop. – Abkürzung für: Agitation/Propaganda.

  • 22

    Anton Ackermann – Anton Ackermann (1905–1973), 1926 KPD, im sowjetischen Exil Mitglied des NFKD; beteiligte sich 1946 führend an der Gründung der SED; Mitglied von deren Vorstand bzw. ZK, entwickelte die These vom „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“; 1949–1953 Staatssekretär im Außenministerium der DDR; verlor nach dem 17. Juni 1953 seine Partei- und Staatsämter; 1956 rehabilitiert.

  • 23

    Dr. Josef Naas – Josef Naas (1906–1993), Mathematiker; 1932 KPD, 1942–1945 KZ Mauthausen; nach 1945 u. a. Tätigkeit in der DZV für Volksbildung; Ende 1946–1953 Direktor der DAW, 1953 Professor, Leiter verschiedener Institute.

  • 24

    Walther Barthel – Walter Bartel (1904–1992), Historiker; 1923 KPD, 1933–1935 Zuchthaus, danach Emigration in die ČSR, 1939 KZ Buchenwald, ab 1943 Leiter des illegalen Lagerkomitees; 1946–1953 Persönlicher Referent Wilhelm Piecks für Parteifragen, zugleich 1948–1953 Vorsitzender der VVN in Berlin; 1953 Funktionsenthebung in Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Franz Dahlem; 1957–1962 Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, 1962–1970 Professor an der HUB.

  • 25

    Gh. – Gh., Abkürzung für: Gartenhaus.

  • 26

    Änny Klemperer – Anna Hertha Klemperer, geb. Schott (1885–1963), genannt Anny oder Änny, nichtjüdische Frau von Victor Klemperers Bruder Berthold; seit 1931 Witwe, siedelte 1961 von Westberlin zu ihrem jüngeren Sohn Peter Klemperer nach Hildesheim über.

  • 27

    Niemöller (?) – Martin Niemöller (1892–1984), evangel. Theologe; ursprünglich Marineoffizier, 1931 Pfarrer in Berlin-Dahlem, nach 1933 führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, 1937–1945 Gefängnis- und KZ-Haft, nach 1945 wichtige Ämter in der Evangelischen Kirche in Deutschland; stand wegen seiner Schuldzuweisung an die Kirche hinsichtlich ihrer Stellung zum NS-Regime und wegen seiner Haltung gegen die Westorientierung der Bundesrepublik und gegen die Atomrüstung vielfach unter Kritik.

  • 28

    Herr Wandel – Paul Wandel (1905–1995), 1926 KPD, 1933–1945 Exil in der UdSSR, 1945 Chefredakteur des KPD-Parteiorgans „Deutsche Volkszeitung“; Präsident der am 11. 9. 1945 für die Sowjetische Zone gebildeten Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (DZVfV); 1949–1952 Minister für Volksbildung, 1953–1957 Sekretär (Kultur/Erziehung) des ZK der SED; 1958–1961 DDR-Botschafter in China.

  • 29

    Professor Rompel – Robert Rompe (1905–1993), Physiker; 1932 KPD, 1945–1949 Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft und Hochschulen in der DZV für Volksbildung, 1946 Professor in Berlin, seit 1950 Leiter verschiedener Institute der DAW; 1946–1950 Mitglied des Parteivorstandes, seit 1958 des ZK der SED.

  • 30

    Natur und Geisteswelt – „Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen“; die Reihe erschien ab 1913 bei B. G. Teubner, Leipzig.

  • 31

    den Redactor des Aufbaus – Bezieht sich auf Klaus Gysi (1912–1999), 1945–1948 Chefredakteur des „Aufbau“, 1949–1951 Bundessekretär des KB.

  • 32

    Vergleich Stalingrad – Feu – Bezieht sich auf die Romane „Stalingrad“ (1945) von Theodor Plievier und „Le feu“ (1916; dt. „Das Feuer“, 1918) von Henri Barbusse. – Klemperers Studie erschien unter dem Titel „Barbusse und Plievier“ in der Zeitschrift „Aufbau“, Heft 6/1946, S. 635–645; auch enthalten in: Victor Klemperer, „vor 33 | nach 45. Gesammelte Aufsätze“, Akademie-Verlag, Berlin 1956, S. 206–217.

  • 33

    Bildhauer Langner (?) – Reinhold Langner (1905–1957), Bildhauer, Graphiker, Maler; Mai 1945 Kommissarischer Leiter der Kunsthochschulen Sachsens; 1946–1948 Professor an der Akademie der Bildenden Künste bzw. der Hochschule für Bildende Künste Dresden, 1950–1957 Direktor des Volkskundemuseums Dresden.

  • 34

    „Sie trafen sich in Moskau“ – „Sie trafen sich in Moskau“, dt. Verleihtitel von „Swinarka i pastuch“, Mosfilm (UdSSR, 1944); Regie: Iwan Pyrjew; Drehbuch: Wiktor Gusew.

  • 35

    Neubauerntum – Im Verlauf der Bodenreform 1946 wurde in der Sowjetischen Zone Landarbeitern und Umsiedlern Land als Eigentum zugeteilt, sie wurden „Neubauern“.

  • 36

    Belleallianceplatz – Der Belle-Aliance-Platz am südlichen Ende der Friedrichstraße, nach 1945 Mehringplatz.

  • 37

    die „Lindchen“ – Die Bäume Unter den Linden waren 1936 neu gesetzt worden.

  • 38

    mein Appell-Artikel an Frankreich – Victor Klemperers Artikel „Wie Deutschland Frankreich sah“ in der Zeitung „Tägliche Rundschau“ vom Herbst 1945 nicht ermittelt; offenbar nicht erschienen (vgl. auch den Eintrag vom 17. 10. 1945).

  • 39

    einen sudetendeutschen Hauptsekretär – Karl Kneschke (1898–1959), 1921 Mitbegründer und bis 1938 Funktionär der KPČ, 1938 Emigration nach England, Februar 1946–1951 Landessekretär des Kulturbundes Sachsen, 1950–1957 Bundessekretär bzw. 1. Bundessekretär des KB, 1953–1959 Chefredakteur der Zeitschrift „Natur und Heimat“. – Karl Kneschke sollte in Dresden die KB-Querelen um Wolfram von Hanstein und Vilmos Korn klären.

  • 40

    die Zentralverwaltung für Wissenschaft – Die Deutsche Zentralverwaltung Wissenschaft befand sich im Gebäude des ehemaligen Preußischen Kultusministeriums Wilhelmstraße, Ecke Behrenstraße.

  • 41

    als „Luce“ – luce (ital.) Licht; zugleich Kunstwort für die italienische Filmwochenschau während der Zeit des Faschismus, gebildet aus den Anfangsbuchstaben von „Lega universale di cinematografia educativa“. – Vgl. LTI, Kap. XV.

  • 42

    die verpflanzte Siegessäule – Im Zuge seiner Pläne für die „Umgestaltung der Reichshauptstadt“ hatte Hitler die Siegessäule 1938 von ihrem ursprünglichen Standort, dem Königsplatz vor dem Reichstag, auf den Großen Stern im Tiergarten umsetzen lassen.

  • 43

    unser schönes Café – Bezieht sich auf das Café Blomberg in Jüterbog; Victor und Eva Klemperer lernten es im Sommer 1937 bei einer Autofahrt an die Ostsee kennen.

  • 44

    Eduard v. Winterstein – Eduard von Winterstein (1871–1961), Schauspieler; wirkte ab 1895 als Charakterdarsteller am Deutschen Theater Berlin (unter Max Reinhardt), später am Berliner Schillertheater und nach 1945 wiederum am Deutschen Theater.

  • s
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